Thomas Lennartz sprang beim Dresdner Orgelzyklus ein
Ursprünglich sollte Frauenkirchenorganist Niklas Jahn am Mittwoch im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ spielen, mußte aber krankheitsbedingt kurzfristig absagen. Thomas Lennartz ist mit dem Kern-Instrument in der Frauenkirche vertraut und sprang für ihn ein. Sein Programm trug nicht nur denselben Titel (»Leuchttürme der Orgelmusik«), sondern im wesentlichen auch dieselben Namen: Bach, Mendelssohn, Vierne.
Nun sind Leuchttürme in der Nautik wichtige Richtungsanzeiger, man sollte sich aber hüten, bis zuletzt genau auf sie zuzufahren – man würde unweigerlich an einem Felsen zerschellen oder im Sand feststecken. »Leicht vorbei« trifft es aber auch nicht – auf See sollte man wie auf der Orgel wissen, was man tut!
So fächerte Thomas Lennartz ein »Leuchtturmprogramm« auf, das bekannte Namen vereinigte, aber ganz unterschiedliche Eindrücke wecken konnte. Das Publikum »ins Boot« zu holen, um noch einmal bei der Seefahrt zu bleiben, ist schließlich gerade in der Frauenkirche mit ihrem hohen Anteil an Touristen wichtig.
Die Vielfalt des Ausdrucksreichtums zeigte sich schon bei Johann Sebastian Bach, dessen Orgelschaffen mit drei Werken abgebildet war. Mit Präludium und Fuge in C-Dur (BWV 547) sowie f-Moll (BWV 534) präsentierte Thomas Lennartz zwei Varianten der Gattung: während das Präludium in C-Dur seine komplexe Schönheit mit aufsteigendem Motiv durch den rhythmischen Puls noch unterstrich, zeigte jenes in f-Moll eine vollkommen andere Harmonik und Stimmung. Zwar ebenso nach oben gerichtet, war der Verlauf des Ansteigens nicht entscheidend, dafür hob Thomas Lennartz das Gegenüber von Oberstimme (bzw. erster) und Begleitung (zweiter) hervor. Die C-Dur-Fuge verschwamm zumindest im hinteren Kirchenschiff zu eilig, in f-Moll wirkte dagegen die Spannungserhöhung des gegensätzlichen Melodieverlaufes.
»Schmücke dich, oh liebe Seele« (BWV 654) stand als Choralbearbeitung für einen Teil in Bachs Schaffen, der zu einer überwältigend großen Sammlung und vielen Büchern geführt hat. In diesem Fall hat Bach den in Weimar entstandenen Orgelchoral sogar noch einmal in Leipzig bearbeitet (BWV 654a). Wohl kaum, weil er mit der Musik unzufrieden war. Dem Thomaskantor lag die Aussage stets am Herzen. In diesem Fall sorgte der milde und süße Klang zwischen den mehr architektonischen Präludien mit Fuge für eine Kontemplation. Seicht, fade oder spannungsarm war dies aber keineswegs, denn Thomas Lennartz stellte erneut das Gegenüber von Solostimme und Plenum (oder Cantus firmus) heraus.
Das Plenum, also die Mischung von Registern der Orgel, wird oft mit dem Klang eines Chores verglichen (im Gegensatz zur konzertierenden Orgel, deren Register die Instrumente eines Orchesters darstellen). Felix Mendelssohns Sonata Nr. VI d-Moll ist so ein Fall, nicht nur, weil sie sich auf den Choral »Vater unser im Himmelreich« bezieht. Hier klang die Kern-Orgel besonders geschlossen, volltönend, aber mit weichen, harmonisch gemischten Farben. Das galt ebenso für die Variationen der Choralmelodie. Trotz kleiner Veränderungen und geringer Kontraste wurden feine Abstufungen bis hin zu einer hymnischen Fassung spürbar, die »Vater unser im Himmelreich« schließlich preiste. Auch das Finale bewahrte diese Geschlossenheit und den milden Schimmer. Zuvor hatte die Fuge den Text des Chorals im Sinne einer Bekräftigung (oder eines Ausrufungszeichens) abgeschlossen.

Von Leuchttürmen ist Louis Vierne weit entfernt aufgewachsen. Bis zum berühmten Phare des Baleines auf der Île de Ré sind es von seinem Geburtsort Poitiers immerhin 180 km, mit drei Jahren kam er außerdem bereits nach Paris. Er selbst wurde zu einem Leuchtturm der französischen Orgelsinfonik und hat Türme auf ganz andere Weise in seinem Werk verankert: das Geläut des Elizabeth Tower im Westminster Palace unterscheidet sich von den uns bekannten dadurch, daß die Glocken nicht frei hängen. Nicht ihr Schwingen, sondern der gesteuerte Klöppel löst den Ton aus, weshalb das Geläut nicht nur über Töne einer Abstufung verfügt, sondern ein Thema spielen kann. Vierne hat dies in Carillon de Westminster beeindruckend verarbeitet. Als Beispiel für sein orgelsinfonisches Schaffen standen die Pastorale mit Schäfermelodie der Flöten (erster Satz) sowie das Finale aus seinem Opus 14. Auch darin gab es mächtige kontrastreiche Westminster-Effekte.

Thomas Lennartz ließ ihnen als Zugabe und Ausklang eine kleine Phantasie nachschweben, in der sich »Der Mond ist aufgegangen« versteckte.
1. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz