Klangerlebnis im Freiberger Dom

Silbermann-Preisträger David Kiefer in der Abendmusik

Es war eine der letzten Abendmusiken in Freiberg in diesem Jahr – kommende Woche wird die Reihe mit einem besonderen Abend beschlossen. Doch zunächst war noch einmal ein besonderer Gast eingeladen: David Kiefer gewann im vergangenen Jahr den XVII. Internationalen Gottfried-Silbermann-Orgelwettbewerb in Freiberg. Mittlerweile ist er in Freiburg zu Hause und unterrichtet dort an der Hochschule für Musik Liturgisches Orgelspiel und Improvisation.

Freiberg und Freiburg – die beiden Ortsnamen klingen, als lägen sie nah beieinander oder als seien sie durch hohe Gipfelgrate streng getrennt. Vielleicht sind die unterschiedlichen Berghöhen ja ebenso inspirierend wie die Orgeln – im Konzert verblüffte David Kiefer sogleich mit der Toccata quinta sopra i pedali per l’organo e senza von Girolamo Frescobaldi. Meist werden Toccaten mit einem betonten Anschlag dargeboten, der von perlend bis perkussiv reichen kann. Doch neben »schlagen« ist »berühren« eine deutsche Übersetzung für »toccata«. Hier wurde nichts geschlagen, statt dessen erfüllten warme Harmonien das Kirchenschiff und der reiche Klang, den auch die Kleine Silbermann-Orgel zu verströmen vermag. Eine Harmonie des Weltalls oder die die ganze Welt einzuschließen schien.

David Kiefer, Photo: © Sylvia Schillinger-Teschner

Jan Pieterszoon Sweelincks Choralbearbeitung »Mein junges Leben hat ein End« begann mit einem innigen Gesang, der in den Variationen einzelne Register hervortreten ließ oder den Choral mehrstimmig übertrug. Solche die Seele streichelnden Titel hätten – gerne auf dem kleinen Instrument – noch viele weiter folgen können.

Da mochte die bevorstehende Umstellung, nicht nur auf die Große Silbermann-Orgel, sondern auf Isaac Albéniz rhythmische Wogen von »Asturias« aus den »Leyenda«, zunächst als Hürde erscheinen. Doch David Kiefer nahm sie elegant, tänzerisch und ließ flammende Akkorde zucken – eine vollkommen andere Berührung, und dennoch eine, welche die Seele, das Herz erreichte! Mögen die Stücke des Programms in der Art, Gattung, Epoche weit auseinander gelegen haben – David Kiefer verband die musikalischen Gebirge vollkommen logisch, selbstverständlich.

Und servierte sogleich wieder Alte Musik von Nicolas de Grigny (Ave Maris Stella) und Heinrich Scheidemann (Fantasie in d-Moll, WV 83). Gerade die Leuchtkraft von Ave Maris Stella berührte nicht nur, sondern erfaßte noch einmal im Ganzen, mitreißend, weil sich die Zugänglichkeit der Melodie bzw. des Themas, die geschmackvoll gewählten Register, die Struktur von Fugen oder Dialogen sowie der rhythmische Puls verbanden.

Nach dem großen (hier den Ozean umspannenden) Werk berührte Heinrich Scheidemann ganz anders, mit im Vergleich leisem, gedämpftem Ton. Die fugierten Passagen wirkten geradezu filigran, aber nicht weniger klar als bei de Grigny.

Zeit für den nächsten Umschwung oder gar Sprung? Das bot das »Stahlspiel« von Pier Damiano Peretti, der fallende Clusterakkorde durch den Freiberger Dom purzeln ließ, plötzlich mit einem sphärischen Choral überraschte. Die musikalischen Grundlagen, ein körperlicher Klang und ein lebendiger Rhythmus bzw. ein verweilender Ton, blieben. Nur daß Perettis Akkorde anregender und aufregender waren als die Seelenpflege zu Beginn.

Also gab es den Romantiker Robert Schumann zur Beruhigung? Zwei seiner Studien in Kanonischer Form (C-Dur, h-Moll) schien dies zu suggerieren. Auf jeden Fall stellte sich eine Wirkung der Beruhigung ein. Vielleicht das einzige Manko – nach so aufregender, innovativer und mutiger Programmierung schien Schumann, wiewohl fein gespielt, ein wenig gewöhnlich.

Und schließlich Johann Sebastian Bach. Sein Praeludium und Fuge e-Moll (BWV 548), dessen Fuge das Thema immer neu umspielt, war als krönender Abschluß geeignet, und doch hat der Rezensent bei solchen Überlassungen des letzten Wortes an Bach oft seine Zweifel – den starken Beginn sollten sie nicht vergessen machen!

Das Klangerlebnis schätze das Publikum außerordentlich und bekam als Zugabe noch eine Improvisation, die sich modern zeigte – vielleicht das Glasspiel als Gegensatz zu Pier Damiano Perettis »Stahlspiel«?

2. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz

Am kommenden Donnerstag (8. Oktober) präsentieren Tenor Patrick Grahl und Domkantor Albrecht Koch Lieder in der letzten Abendmusik Lieder aus dem Schemelli-Gesangbuch von Johann Sebastian Bach.

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