Sammelwut, Sammelsucht, Sammelleidenschaft …

Ensemble Fürsten-Musik im Marcolini-Palais

Gartenzwerge, Briefmarken, Programmhefte – mancher im Publikum sammele sicher irgend etwas, vermutete Anne Schumann vom Ensemble Fürsten-Musik am Dienstag im Marcolini-Palais. Allerdings kann sich das auch ins pathologische steigern: Turtles aus der Kinderüberraschung, Fehldrucke, Schuhe – irgendwann droht das Sammeln in Wut auszuarten.

Bally-Schuhe aus der Sammlung des BALLYANA-Archivs, ausgestellt im Museum Ballyana, Bildquelle: Wikimedia commons

Doch glücklicherweise nicht immer. Echte Sammler sammeln mit Verstand, Kalkül, Expertise. In der Musik zum Beispiel. Das Ensemble Fürsten-Musik hatte schon vor zwei Jahren aus der Sammlung von Maria Antonia Walpurgis Symphorosa von Bayern geschöpft. Die Sächsische Kurfürstin hatte nicht nur gesammelt, sondern angeregt, per Mäzenatentum gefördert, selbst gedichtet und komponiert. Das Projekt erwies sich als noch ergiebiger als geahnt. Zudem sind die Bestände alter Sammlungen wie dieser oder des Konzertmeisters Johann Georg Pisendel, die heute in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) verwahrt werden, schier unerschöpflich – viele gute Gründe, solche Projekte weiterzuführen und die Sammlungen zu erforschen.

Anne Schumann wollte dabei praktisch vorgehen und lud mit ihrem Ensemble zu einem Workshop, an dem auch begabte interessierte Laien und Studenten teilnehmen konnten. »Von der Quelle bis zur Aufführung« präsentierte im Frühjahr bereits einen Zwischenstand in der SLUB [NMB berichteten: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/03/24/ordnung-mus-sein/%5D, nun war das Projekt noch einmal im Marcolini-Palais zu Gast.

Konzert im Frühjahr in der SLUB, Photo: NMB

Die »Fürsten-Musik plus« trat in der bisher vielleicht größten Besetzung auf, denn neben Anne Schumann (Violine), Klaus Vogt (Viola da spalla) und Sebastian Knebel (Cembalo) kamen Vanda Weinberger (Traversflöte), Fiona Elbe (Barockfagott), Esperança Recio Tugores, Reingard Voß und Constanze Walzer (Violinen) sowie Elo Roiter und Lisa Baumeister (Viola) hinzu. Anne Schumann freute sich über deren anhaltende Interesse und Durchhaltevermögen, immerhin hatte das Projekt schon im vergangenen Jahr begonnen und war für die Studenten eine freiwillige Ergänzung. Barockmusikfächer für Traversflöte oder Fagott / Dulzian bietet die Musikhochschule gar nicht an.

Um so schöner, daß hier nicht nur ungehörte Musik erschlossen wurde, sondern daß sich auch Ensembles im Ensemble fanden. Schon Domenico Dall’Olios Sinfonia in D zeugte davon, die mit allen Instrumenten besetzt war. Doch weder Fagott, noch Violine oder Flöte traten solistisch hervor, im Gegenteil verschmolz die Flöte mit den Violinen zu einer Stimme, während Fagott und Viola da spalla einen gemeinsamen Baßton fanden. Dall’Olios Sinfonia war ein Auftakt, der nicht nur im nach oben strebenden Motiv, sondern auch der Lebhaftigkeit eines Tonsprunges und dessen Betonung für gespitzte Ohren sorgte.

Und die bekamen einiges geboten, weit mehr als pure Effekthascherei. So wählten die Musiker gerade aus zwei Konzerten für die Blasinstrumente jeweils einen langsamen, kantablen Satz. Ein Andante aus dem Concerto für Fagott von Christoph Graupner lebte von einer verborgenen Virtuosität, die nicht in der Auffälligkeit, sondern im eleganten Parlando des Instruments lag. Das Largo aus Carl Heinrich Grauns Sonate für Flöte und Basso continuo bewies später ähnliche Qualitäten.

Interessant sind immer gerade jene Sammelstücke, die noch nicht (wieder) zugeordnet sind. Ein Quartett für Flöte, Violine, Violoncello (diesmal Viola da spalla) und Basso continuo regte ebenso wie ein Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo zu Mutmaßungen an, ob böhmische oder italienische Komponisten die Urheber waren. Vor allem das Violinkonzert hatte viel Wiedererkennungsanschein.

Die verschiedenen Zusammenstellungen gelangen sehr ausgewogen, zudem gab es darin bemerkenswerte Einzelleistungen, wie von Vanda Weinberger und Constanze Walzer, die im Flötenquartett eine geschmeidige Phrasierung des Tons eingesetzt hatten. Reingard Voß übernahm als quasi zweite erste Violine (oder zweite Konzertmeisterin) mehrfach eine führende Rolle, aber selbst in den geschlossenen Sinfonia-Sätzen oder den ausgesprochen schönen französischen Ballett-Suiten von Jean-Baptiste Lully und André Campra konnte man einzelne heraushören, wie die sonore Stimme der beiden Violen.

23. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz

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