Konzertreihe »Altes und Neues Testament« mit ausgefeiltem Liedprogramm
Normalerweise bezieht sich das »Alte« und »Neue Testament« an jedem letzten Dienstag im Monat im Strehlener Gemeindehaus auf Bach und Beethoven, doch manchmal entfernt sich Kantor Robin Gaede von diesen Fixpunkten oder läßt die Zügel schießen. Wichtig sei ihm eine Dramaturgie, wie sie grundsätzlich den Gegensätzen von »Altes und Neues Testament« innewohnt.
Natürlich hätte sich auch bei Bach und Beethoven Liedgut finden lassen, berühmtes wie das Schemelli-Gesangbuch, einst von Peter Schreier wunderbar interpretiert, oder die »Zärtliche Liebe«. Oder unbekannteres, wen das Suchen eher reizt, etwa »Blühende Jugend, du Hoffnung der künftigen Zeiten« im Satz von Johann Sebastian Bach oder Beethovens Walisische Lieder. Robin Gaede hatte mit seinem Gast, Bariton Jakub Orpheus Malatinec, ein sehr facettenreiches Programm ausgearbeitet, das »Ständchen und Narren« (Titel der 21. Veranstaltung in der Reihe) ambivalent gegenüberstellte. Heimeliges Idyll und innere Sehnsucht trafen auf Angstzustände und bitteren Spott.

Wie immer gab es Musik nicht allein, sie wurde durch Lyrik ergänzt. Anders als zu manchen Kammermusikabenden warf sie diesmal nicht nur ein einzelnes Schlaglicht auf ein Thema wie die Liebe, sondern stand den Liedern fast gleichwertig gegenüber. Das Motto des Abends wurde sogleich offensichtlich: Manchmal nahmen Robin Gaede und Jakub Orpheus Malatinec das Thema Liebe ganz ernst, dann hielt der Bariton eine Rose in der Hand. Oder nicht? Denn für die Gedichte setzte er meist die Narrenkappe auf. »Sobald der Mensch sich kennt, sieht er, er sei ein Narr« spottete schon Gotthold Ephraim Lessing, Rainer Maria Rilke hinterfragte in seinen Sonetten an Orpheus den Zusammenhang von Liebe und Leben – und Tod; gab Anlaß, Selbsterkenntnis und die Narretei der Liebe zu reflektieren.
Die Lieder reichten von den vielleicht klassischsten Ständchen überhaupt bis zu den desillusionierenden Beiträgen, die im zwanzigsten Jahrhundert die Gattung »verbogen«. Wobei der Abend von Beginn an nicht einen (ganz) abgleitenden Verlauf darstellte, sondern beides, das verklärende und das desillusionierende, wechselseitig gegenübersetze. Auf Richard Strauss‘ Ständchen Opus 17 Nr. 2 folgte Franz Schrekers »Rosentod« nach Rosa Pollaks Gedicht – ohne bösen Witz, doch Tod und Leben waren bereits untrennbar verbunden. Franz Schuberts Ständchen D 957, an sich das Ständchen aller Ständchen, schien danach in einem anderen Licht.

Das ließ staunen, wieviel Dramatik, wieviel Dramaturgie in so ein Konzert paßt – weit mehr als ein kleiner Gemeindeabend! Daß beide Künstler sich hineinfinden mußten, war nachvollziehbar. Anfangs noch, gerade bei den bekannten Stücken, spürte man bei Jakub Orpheus Malatinec viel von der künstlerischen Gestaltung durch Vibrato, Stimmverlauf, Dynamik, während das natürliche Gewicht der Basisstimme geringer war. Mehr und mehr jedoch schlüpfte er in die Rolle des Orpheus-Narren, der Wahrheiten verkündet, gesungen und rezitiert gleichermaßen gut verständlich.
Das machte die Brüchigkeit spürbar, die im Leben, der Liebe oft steckt – die Kraft des positiven Antriebs und eine optimistische Einstellung allein machen das Leben nicht aus und lösen keine Probleme. Das wußten spätestens jene Komponisten und Dichter, die Kriege, Krisen oder den Nationalsozialismus erlebten. Mit einem Mal hatte der Abend eine ganz andere Farbe – »Als der Zirkus in Flammen stand« von Georg Kreisler hat einen so bitterbösen Witz, daß sich kaum jemand traut, das zu singen. Und doch entdeckte man (mit Erschrecken) viele Wahrheiten im Blendwerk des »Zirkus« – es geht weniger um Clowns, Löwen und Artisten in der Manege als Sensationsgier, Ignoranz und einen Mangel an Menschlichkeit.
Die Lösung liegt kaum im Weglaufen, aber manchmal bleibt nur dies. Kurt Weills »Youkali« (eine imaginierte Insel) aus der Oper »Marie Galante« formulierte diese eskapistische Sehnsucht vor der Pause. Mit Erich Wolfgang Korngold, Hans Pfitzner, Alban Berg und noch einmal Strauss und Schubert banden Jakub Orpheus Malatinec und Robin Gaede ein Programm, das letztlich auch auf die kommenden Gedenktage verwies. Während die einen als verfemt galten und ins Exil gingen (Weill, Korngold), ist das musikalische interessante Erbe des anderen durch dessen politische Haltung bis heute beschmutzt (Pfitzner).
Aber wie gut, daß die Dramaturgie so wichtig blieb und allen Raum ließ. Franz Schuberts düsteres »Der Doppelgänger« (D 957 nach Heinrich Heine) hellte Strauss‘ »Morgen« auf.
28. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz
Teil XXII des Alten und Neuen Testaments verspricht für den 24. November »Spielzeug im Schnee«. Bereits am kommenden Donnerstag gibt es die nächste Veranstaltung in der Strehlener Christuskirche, dann wird Robin Gaede den Stummfilm »The Pilgrim« (Charlie Chaplins, 1923) an der Orgel begleiten.