Neues Bachisches Collegium Musicum im Leipziger Gewandhaus
Der Satz, Johann Sebastian Bach sei »das Alpha und das Omega der Musik«, hebt ihn für viele von uns auf jenes Podium, auf das er zu gehören scheint. Wer das Zitat ursprünglich geprägt hat, läßt sich kaum noch feststellen – Albert Schweitzer war nicht der erste, auch Max Reger sprach von »Bach ist Anfang und Ende der Musik«. Doch letztlich stimmt es so nicht, was sich faktisch allein schon nachweisen läßt, wenn man nur Komponisten der Familie Bach einbezieht und die vielen anderen, selbst in nächster Nähe, unberücksichtigt läßt.
Johann Sebastian Bach gedieh quasi auf einem thüringischen Nährboden ganzer Generationen von Kantoren und Organisten. Der »Anfang« oder das Omega lag also weit vor ihm. Unter seinen Söhnen gibt es wiederum gleich mehrere Kandidaten, die das Erbe nicht nur würdig weitergetragen, sondern weiterentwickelt und sich von vorgegebenen Maßstäben gelöst haben, über »Ende« und Omega hinaus.
Der Rezensent gesteht, daß er gerade dann, wenn ein Orgelprogramm in der Musikgeschichte weiter geht und Stücke von Wilhelm Friedemann oder Carl Philipp Emanuel einschließt, am Ende aber zu Vater Bach zurückkehr (viel zu oft mit der mäßig interessanten oder fortschrittlichen Passacaglia c-Moll), ein Verständnisproblem hat. Muß immer »Vater Bach« das letzte Wort haben?
Am Sonnabend im Mendelssohn-Saal des Leipziger Gewandhauses war der letzte Programmpunkt für ihn allerdings nicht nur wohlgesetzt, sondern berechtigt, denn Johann Sebastian war einmal der zuletzt Geborene und Jüngste – das übrige Programm stammte von einem Großonkel, zwei Onkeln, einem entfernten Cousin und einem älteren Bruder.
Zurück in der Zeit, zum Ursprung, zum Thüringischen Nährboden hatte Reinhard Goebel das Konzert der Alten Musik mit dem Neuen Bachischen Collegium Musicum geführt. Goebel schwieg beinahe – wer die Konzerte des Neuen Bachischen Collegium Musicum kennt, dem sind Goebels viele Plaudereien manchmal zu viel. Diesmal hielt er sich im buchstäblichen Hintergrund, hörte bei den Arien und Sonaten der Familie Bach zu und beschränkte sich auf zwei dirigentische Einsätze, eine Begrüßung und eine Verabschiedung – die aber um so herzlicher.
Großonkel Heinrich Bach durfte den Abend mit zwei Sonaten à 5 eröffnen. Zunächst allein mit Streichern um Elisabeth Dinstad war eine typische warme Harmonik der Alten Musik in einem aufsteigenden Verlauf zu spüren, dessen Verzweigungen sich aber sogleich geradezu exotisch im absteigenden Gegenlauf verflochten. Wie ein Responsorium antworte die zweite Gruppe, teil als kleines Echo. Die zweite Sonate, nun in recht flottem Tempo, war von Bogenvibrato und rhythmischen Elementen belebt.
Christiane Kämper spielte fast den ganzen Abend im Basso continuo das Cembalo, schon das pointiert. Johann Christoph Bachs Aria Eberliana pro dormente Camillo räumte ihr einen Soloauftritt ein. Ein im wörtlichen Sinne merkwürdiges Stück! Schon der Titel (Aria Eberliana für den ruhenden Camillo) ist etwas unerklärlich, zudem ging das Werk fast verloren, blieb in Abschriften und Wiederfunden erhalten. Ein wenig dachte mancher bei den Variationen an Goldberg (und die Legende des schlaflosen Grafen), wobei sich Johann Christoph Bachs Werk zunächst in äußerster Sittsamkeit zu ergehen schien, bis es überraschend nicht nur Tonarten, sondern Dur und Moll tauschte, doch nicht am Ende in der Schlußformel, wie zu vermuten wäre, sondern mittendrin in einer Wendung. Von hier wurde das Werk immer mehr Effekten bereichert.
Der Ursprung der folgenden Sonata und Capriccio für Violine, 2 Violen und Basso continuo g-Moll war gar nicht sicher, »Sign. Pagh« steht auf den Noten – Johann Christoph Bach wird heute vermutet. In der Sonata durfte die erste Violine gravitätisch führen, das Tempo blieb, das Capriccio war mit den vielen Spielern deutlich belebter als die Sonata.
Vor der Pause wechselte Tobias Haupt einmal an die erste Violine für Johann Michael Bachs Aria und Echo für zwei Chöre zu vier Stimmen D-Dur. Noch einmal die Streicher, die sich – auch optisch gewitzt – vor und hinter (Echo) dem Cembalo aufstellten.
Noch effektvoller wurde es nach der Pause mit den Bläsern. Reinhard Goebel übernahm in der gewachsenen Gruppe das Dirigat – nicht nur begründet, sondern mit durchaus musikantischen Geschick. Nicht, daß man es ihm nicht zugetraut hätte, aber man hat ihn auch schon »vordergründiger« erlebt. Sowohl in Johann Ludwig Bachs Ouvertüre für Streicher, zwei Oboen, Fagott colla parte und Basso continuo G-Dur als auch später in der Ouverture B-Dur aus der Kantate »Höchsterwünschtes Freudenfest« BWV 194 vom »Junior« des Programms, Johann Sebastian Bach ließ er die Musiker gewähren, einen melodisch tragfähigen Bogen einen Hauch oder Atemzug länger stehen – erquickend! Schon Johann Ludwigs Ouverture mit opernhafter Auftrittsattitude profitierte davon, an der Eröffnung schloß sich ein wiegende Andante an, daß fast ein Siciliano wurde.

Dazwischen sorgte Johann Jacob Bach noch einmal für Aufmerksamkeit. Seine Sonata c-Moll war neben der Violine Elisabeth Dinstad nicht mit einem typischen Basso continuo aus Cembalo und Violoncello besetzt. Statt des Cellos dessen trat das Fagott höchst virtuos als zweite Stimme nach vorn! Wer hätte da gedacht, solchen Ohrenschmaus – für den Spieler immerhin aufwendig und atemfordernd – bereite uns ein baldiger Ruheständler? Doch Thomas Reinhardt gehört seit nunmehr 36 Jahren zum Gewandhausorchester und wird demnächst verabschiedet. Im Rahmen der Konzerte des Neuen Bachischen Collegium Musicum war e sein letzter Auftritt.
25. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz