Liederabend der etwas anderen Art in der Hoflößnitz
(wiederhergestellter Artikel)
In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag von Ernst von Schuch zum 180. Mal. Am 23. November 1846 wurde er in Graz geboren, Dresden und die Sächsische Hofoper wurden zu seiner wohl wichtigsten Wirkungsstätte. Schuch war nicht nur ein begnadeter Dirigent, sondern nahm perfektionistisch alles unter die Lupe, was zur Qualität einer Opernaufführung beitrug. Die Uraufführungen von Richard Strauss‘ Opern »Feuersnot«, »Salome«, »Elektra« und »Rosenkavalier« waren die Folge dieses umsichtigen, emsigen und zielstrebigen Arbeitens und der innigen Verbindung mit Komponisten wie Richard Strauss – die Aufführungen sind bis heute legendär. Auch deutsche Erstaufführungen italienischer Opern fielen in diese Zeit an der Sächsischen Hofoper.
Heute erinnern nicht nur alte Aufnahmen und Erzählungen an den Dirigenten, die Familienstiftung Ernst Edler von Schuch trägt sein Erbe mit Stipendien und Preisen weiter. Im November wird der diesjährige Dirigentenpreis an Luis Castillo-Briceño, Stipendiat des Deutschen Musikrates, aus Zürich vergeben. Frühere Preisträger waren unter anderem Marie Jacquot und Aurel Dawidiuk.
Am Sonntag hieß es aber zunächst »Lieder der Schuch-Zeit«. Die Kammerkonzerte in der Hoflößnitz widmen sich eigentlich vor allem der Alten Musik, diesmal ging es in einem ungewöhnlichen Format jedoch in die Spätromantik. Ungewöhnlich, weil sowohl Martina Damm, Ur-Enkelin Ernst von Schuchs und Sprecherin der Familienstiftung, in Vortragsteilen historische Rückblicke in Wort, Bild und sogar Ton eröffnete, aber auch Bariton Bernhard Hansky gab Einblicke in die historische Praxis. Das war insofern wertvoll, daß damit nicht einfach ein paar Erinnerungen aufgewärmt wurden, sondern neben den Anekdoten einige Einordnungen beigetragen waren. Denn die Aufführungspraxis – auch wenn wir die »historische« in der Regel mit der Alten Musik verbinden – hat sich seit der Uraufführung des »Rosenkavaliers« verändert. Der Umgang mit Portamenti zum Beispiel, dem verschleifen oder Überleiten zweier gesungener Töne, kann – gezielt eingesetzt – elegant wirken. Die Mode der 1920er Jahre in historischen Dokumenten dagegen erheitert uns mit unseren Hörgewohnheiten heute teilweise.

Das »historisch-musikalische Geburtstagsständchen« (Titel des sechsten Konzerts der Kammermusikreihe) bot aber auch reine Musik und brachte darin einige Kostbarkeiten zutage. Denn Kompositionen Ernst von Schuhs (Zwei Lieder für eine Singstimme und Piano) sind selbst in den Programmen von Liederabenden rar.
Bernhard Hansky und Jobst Schneiderat rundeten das musikalische Programm mit Liedern von Johannes Brahms, Gustav Mahler und (natürlich!) Richard Strauss ab. Dabei gab das Duo – im Vergleich mit historischen Aufnahmen – nicht nur die »heutige Fassung« wieder, sondern wagte individuelle Betonungen. Wie lang ein Ton zu halten sei – im Maß, das der Komponist vorgab oder wie es den Sänger in seiner Darstellung geziemt, ist von jeher eine Frage des Geschmacks!
19. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz