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Dresdner Kreuzchor in der Elbphilharmonie

Der Dresdner Kreuzchor ist regelmäßig auf Konzertreisen, erkundet das Sächsische Umland ebenso wie Konzertsäle von Amerika bis China. Kurz vor dem Reformationstag war er am Donnerstag in der Hamburger Elbphilharmonie zu Gast. Die Ankündigung verwies nicht nur auf die über 800jährige Geschichte des Kreuzchores und den liturgischen Dienst als Schwerpunkt seines Wirkens, sondern auch darauf, daß er als ihre älteste Kulturinstitution die sächsische Landeshauptstadt weltweit vertritt. Das klingt erst einmal recht faktisch vermittelt aber Grundwerte, die Konzertbesucher wahrnehmen.

Von formellen Betrachtungen erwies sich das Konzert nicht nur befreit, dafür entsprach es sämtlichen durch Vorhersagen entstandenen Erwartungen und füllte Attribute wie »sakrale Musik« und »eigene Tradition« mit wesentlichen Inhalten und Emphase. Die zwei Programmhälften faßten Dresdner Bezüge und internationale Chortradition zusammen.

Der Hamburger Elbphilharmonie ist einer der größten Konzertsäle der Welt, Photo: Dresdner Kreuzchor, © Claudia Höhne

Entscheidend für eine Vermittlung ist nicht zuletzt der Chorklang. Kreuzkantor Martin Lehmann gelang es, diesen Klang nicht nur freizusetzen, sondern auch im Konzertsaal zur Wirkung zu bringen. Schließlich ist der Unterschied zur (Kreuz)kirche mit ihrem Nachhall nicht von der Hand zu weisen. Doch obwohl man die trockenere Raumakustik spüren konnte, entfaltete sich ein kräftiger Klang mit Farbe und Volumen, und selbst zweichörige Stücke bewahrten ihre Wechselwirkung.

Zu Beginn sorgte Kreuzorganist Holger Gehring an der Klais-Orgel der Elbphilharmonie mit dem Einsatz von Fern- und Hauptwerk sowie wachsenden Registern und dynamischem Spiel für den Eindruck, als käme die Musik, Edward Elgars Imperial March Opus 32, von draußen nach innen – sozusagen der Einzug für den Kreuzchor.

Das erste a-cappella-Chorwerk, Max Regers Morgengesang »Du höchstes Licht, ewiger Schein« ließ vielleicht schon die Zugabe vorausahnen, verwies aber vor allem auch auf den sakralen Zusammenhang (»Das ist der Herre Jesus Christ«). In Dresden, wo man den Chor regelmäßig in den Kreuzchorvespern erleben kann, sind in den Serenadenkonzerten oft Volks- oder weltliche Lieder zu hören. In Hamburg trat der Kreuzchor jedoch in eigener Sache auf.

Der Kruzianer erreichten das Hanseatische Publikum mühelos, Photo: Dresdner Kreuzchor, © Claudia Höhne

Dazu zählten so wesentliche Titel wie Johann Sebastian Bachs »Singet dem Herrn ein neues Lied« (BWV 225) oder Heinrich Schütz‘ Psalmvertonung »Wie lieblich sind deine Wohnungen«. Bachs Motette lebte nicht nur von einer bestechenden Verständlichkeit, sondern auch von der Wechselwirkung der beiden Chorteile – nur hätte der Veranstalter einen Applaus-Hinweis anbringen oder die Sätze der Motette auf dem Programmzettel abdrucken sollen. Der Zwischenapplaus war ungemein störend und konnte nur allmählich von Martin Lehmann eingedämmt werden.

Doch solch unliebsamen Erscheinungen setzte der Kreuzchor seinen einnehmenden Klang entgegen, gerade in der Vermittlung der eigenen Tradition. Die Vater-unser-Motette dürfte wie ihr Komponist, der Kreuzkantor Oskar Wermann, vielen unbekannt gewesen sein. Der Text dafür um so mehr. Mit einer kleinen Kurrende-Gruppe, die von einem oberen Rang im Wechsel mit dem Hauptchor sang, gelang der Eindruck um so berührender.

Der Dresden-Teil schloß – als Gruß an die Gastgeber bzw. die Geburtsstadt des Komponisten – mit »Warum toben die Heiden«, einer Psalmvertonung von Felix Mendelssohn.

Holger Gehring sorgte mit Katharina Schlegel (Violoncello) und Tillmann Steinhöfel (Kontrabaß) für den Basso continuo der begleiteten Stücke, ließ aber dazwischen mit Leon Boëllmanns Toccata einmal gehörig die Fetzen fliegen. Das Werk bewies nicht nur die typische Lebhaftigkeit der unaufhörlich »hüpfenden« Toccata-Töne, sondern gewann über Wellen und sinfonische Verschlingungen Struktur – ein perfektes Zwischenstück, um die Spannung zu erhöhen!

Gewinnender Abschluß – von den Kruzianern umgeben, als sei man von einem Lied eingeschlossen, Photo: Dresdner Kreuzchor, © Claudia Höhne

»Jubilate Deo« von Benjamin Britten hatte bereits im ersten Teil für eine internationale Chortradition gestanden. Im zweiten wurde sie durch Giovanni Gabrieli (»Jubilate Deo«), Petr Eben (Cantico delle creature) über das etwas populäre »Alleluia« von Jake Runestad bis zu César Francks Dextera Domini mit dem Duett von Kreuzchor und großer Orgel ergänzt.

Den wohl besten Klangeindruck gab es für das enthusiastische Publikum als Zugabe, Josef Gabriel Rheinbergers »Abendlied«, wofür sich die Sänger im Kreis von der Bühne über die Gänge aufstellten. Eine bessere Einladung, Dresden und die Kreuzkirche zu besuchen, dürfte es kaum geben.

30. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz

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