Sächsisches Vocalensemble feiert 30jähriges Bestehen
Bald jährt sich das Gründungskonzert des Sächsischen Vocalensembles zum 30. Mal. Am Buß- und Bettag 1996 standen in der Dresdner Annenkirche Trauermusiken von Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann auf dem Programm. In wenigen Tagen wird das Sächsische Vocalensemble, wieder zum Buß- und Bettag, in die Annenkirche zurückkehren. Das Festkonzert erklang am Reformationstag bereits im Freiberger Dom.
Die Alte Musik gehört inclusive vieler Wiederentdeckungen seit 30 Jahren zum Kernrepertoire des Chores. Darüber hinaus haben Leiter Matthias Jung und seine künstlerischen Berater der Neuen Musik ebenso Gewicht geschenkt und sich immer wieder in andere Räume vorgewagt oder besondere Zusammenhänge betont.
So läßt sich das Jubiläumskonzert auch in den Kontext des aktuellen Kulturjahres »Tacheles – Jüdische Kultur in Sachsen« einordnen, selbst wenn der geographische Bezugspunkt der Musik diesmal Mantua gewesen ist. Salamone Rossi steht einerseits für einen jüdischen Komponisten, der die traditionelle Synagogalmusik um Elemente der damals aktuellen Kunstmusik erweiterte, gleichzeitig ist der am Hof von Gonzaga in Mantua angestellte Musiker ein Beispiel für das Zusammenleben und Miteinander christlicher und jüdischer Menschen. Ein nur vorübergehender Zustand – antisemitische Anfeindungen nahmen zu, nach 1628 verlieren sich die Spuren des Komponisten. Man nimmt an, daß er bei Ausschreitungen ums Leben gekommen ist.

Bevor das Sächsische Vocalensemble mit Rossis hebräischen Texten eine weitere Bezugsebene im Konzert einfügte, eröffneten zwei andere Italiener das Programm: Lodovico Grossi da Viadana war Kapellmeister am Dom von Mantua, Luca Marenzio stand in Kontakt mit der Herzoglichen Kapelle, eine Anstellung als Kapellmeister scheiterte jedoch aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen.
Einem Festkonzert entsprechend standen vor allem Werke auf dem Programm, die der Freude oder der Ehre Ausdruck gaben, zunächst a cappella wie in Lodovico Grossi da Viadanas »Exultate iusti in Domino« (Freuet euch des Herrn), a cappella vorgetragen. Das Sächsische Vocalensemble ließ das vielstimmige »Cantate ei canticum novum« (Singet ihm ein neues Lied) hell in den Dom strömen. Vier- und achtstimmige Motetten von Luca Marenzio waren im Vergleich zunächst viel inniger gehalten (»Hodie beata Virgo Maria« / »Heute hat die selige Jungfrau Maria«). »O quam gloriosum« verkündete das »Oh wie herrlich ist das Reich« überraschend getragen. Hier ließen aus der Wärme einer Innigkeit vor allem die hohen Stimmen die freudvolle Botschaft nach außen dringen. Im »Jubilate Deo« (Jauchzet dem Herrn) verlieh Luca Marenzio der Freude effektvoll Ausdruck, bevor er das Gotteslob (»Laudate Dominum«) zunächst mit schlichterem Melodieverlauf begann. Dennoch unterstrich auch hier eine Steigerung von Soli und Ensemble zum Gesamtchor den Ausdruck und sorgte für einen Effekt des Anwachsens, größer Werdens.
Mit Affekten des Barock und effektvollen Darbietungen ist das Sächsische Vocalensemble vertraut. Texte in hebräischer Sprache sind dagegen nicht alltäglich. Die »Lieder des Salomo«, die nicht auf den Biblischen König Salomon hinweisen, sondern wohl auf den Komponisten Salamone Rossi Bezug nehmen, waren in ihrer Verbindung der italienischen Musik der Renaissance bzw. des Frühbarock und der jüdischen Liturgie absolut ungewöhnlich. Immer noch a cappella, für vier-, fünf und achtstimmigen Chor, waren die in der Zeit bekannten Mittel hier ebenso zu finden wie ein persönlicher Stil und eine individuelle Gestaltung, wie eine Erhöhung des »Haleluyah haleli« (Halleluja! Lobe den Herrn) oder die besonders hervorgehobene Betonung von »adonai« (als Anrede »(Mein) Herr«). Sowohl in bezug auf die Vermittlung wie auch für das Verfolgen des Textes war die mustergültige Verständlichkeit wohltuend.
Als Extra für den Reformationstag hatte das Jubiläumskonzert in Freiberg eine Zugabe der Silbermann-Orgel: fünf Sätze aus Girolamo Frescobaldis Missa in Festis B. Virgus (Orgelmesse), in der die Artikulation der Worte auf die Orgelregister übertragen waren, wofür Domkantor Albrecht Koch Renaissance- und Barockregister in einzelnen Flöten (»Christe«) oder als Chor erklingen ließ.
Für den Abschluß wechselte Albrecht Koch an die Continuo-Orgel, um gemeinsam mit Ondřej Štajnochr (Violone) vier Motetten Claudio Monteverdis aus dessen Mantuaner Zeit zu begleiten. Nun schloß sich quasi ein Kreis, gehört Monteverdi doch zu den bekanntesten Barockkomponisten und stand in 30 Jahren mehrfach im Programm des Sächsischen Vocalensembles.
1. November 2026, Wolfram Quellmalz
Das Jubiläumskonzert (ohne Frescobaldis Orgelmesse) erklingt am 18. November noch einmal in der Dresdner Annenkirche (Beginn: 17:00 Uhr, Eintritt: 25,- Euro, ermäßigt: 15,-).