Orgelkonzert mit Marcell Fladerer in der Dresdner Hofkirche
Die Konzerte des Dresdner Orgelzyklus‘ werden sehr unterschiedlich programmiert. Manche folgen außerordentlicheren, musikalischen oder weltlichen Themen, andere dem Kirchenkalender. KMD und Domorganist Marcell Fladerer (Brandenburg) hatte gestern »Von der marianischen Antiphon zum lutherischen Kirchenlied« als Motto gewählt.

Statt Abschied und Requiem standen frohe und hymnische Themen im Mittelpunkt, beginnend mit marianischen Gesängen. Dabei bot Marcell Fladerer seinen Zuhörern sogleich unerhörtes – kleine Raritäten. Doch sind »Ave maris stella« wie auch »Salve Regina« fest in der katholischen Liturgie verankert. Mit José Lidón und Sebastián A. de Heredia hatte Marcell Fladerer dafür zwei spanische Komponisten ausgewählt. Während Lidóns »Ave maris stella« (»Meerstern, sei gegrüßt«, Teil der Marienfeste) mit überaus kräftigen, mächtigen Akkorden zunächst einen Klang auftürmte, bald aufstrebende, lichte Höhe und mahnenden Subbaß verband, schien de Heredias »Salve Regina« freier, mit mehr Verzierungen versehen und insgesamt harmonischer, auch in der Dynamik.
Waren die gesanglichen Themen anfangs von der Struktur überragt (»Ave maris stella«) oder mit Ornamentik teilweise verdeckt (»Salve Regina«), ragten in den folgenden Stücken die Lied- oder Choralthemen vordergründig heraus, auch wenn sie weiterhin umspielt oder variiert wurden. Johann Ulrich Steigleders Fantasia oder Fugen Manier über »Vater unser im Himmelreich« ließ zunächst die Zier um das Thema hervortreten, variierte die Liedzeile und erkräftigte das gesangliche Thema. Georg Böhm hatte sich dasselbe vorgenommen, ließ erst den Baß dämmern und eine Stimmung wachsen, bevor der schwingende, fast schwimmende Choral quasi seine Bewegtheit ins Register gelegt bekam.
Das Programm wandte sich noch einmal Maria zu, nun mit »Wie schön leuchtet der Morgenstern« (zu Marie Verkündigung). Friedrich Wilhelm Zachow nahm das Thema geradezu sonnig und zentral in sein Werk auf, während es Dieterich Buxtehude kunstvoll fugierte (Choralbearbeitung BuxWV 223). Darin ließ er nicht nur den Stern glitzern und funkeln, sondern hatte auch den Echoeffekt im jeweils zweiten Strophenteil so in sein Orgelwerk eingearbeitet, daß man den Text unwillkürlich mitsingen, zumindest imaginieren konnte.
Einen anderen Choralvergleich boten Johann Gottfried Walther und Johann Sebastian Bach mit »Wachet auf, ruft uns die Stimme«. (Bach hatte ihn auch in seiner Kantate BWV 645 zum 27. Sonntag nach Trinitatis, in diesem Jahr der 22. November / Ewigkeitssonntag, angefertigt.) Nun war es Johann Gottfried Walther, der nah am Chorgesang sein Orgelspiel entfalten ließ, während Johann Sebastian Bach, von Marcell Fladerer mit ausgesprochen warmen Registern sehr schön registriert, erst die beiden Stimmen gegenübertreten und dann den Choral nachfolgen ließ.
Noch einmal kehrte der Organist zu Maria zurück, diesmal mit »Meine Seele erhebt den Herrn« (BWV 648, sogenanntes Deutsches Magnificat zu Marie Heimsuchung). Zu Beginn tupfte Marcel Fladerer das Thema ins Kirchenschiff, in das sich schwimmend der Choral einmischte und im Baß einen sanften Abschluß fand.
Mit Toccata und Fuge d-Moll (BWV 565) bot Marcell Fladerer am Ende ein Lieblingsstück außerhalb der Liturgie, hier zunächst mit einer Kombination länger gehaltener, aber von deutlichen Girlanden umspielter Töne.
5. November 2026, Wolfram Quellmalz