Sternstunde mit der Dresdner Philharmonie
Am Wochenende zogen gleich zwei wichtige Werke Publikum in den Dresdner Kulturpalast, denn sowohl Fanny Mendelssohns Klavierzyklus »Das Jahr« als auch Johannes Brahms‘ Violinkonzert haben zahlreiche Liebhaber. Also nichts zu entdecken diesmal – oder doch?
Durchaus, denn die Charakterstücke der Komponistin (die zur Zeit der Entstehung bereits den Namen ihres Ehemannes Wilhelm Hensel angenommen hatte, hier aber der Musikalität wegen weiter »Mendelssohn« heißen soll), die sich binnen weniger Jahre seit Wiederentdeckung neben Peter Tschaikowskys »Die Jahreszeiten« etabliert haben, existieren seit kurzem außerdem in einer Orchesterfassung. So wie Alexander Gauk Tschaikowskys Werk instrumentiert hat, wurde auch im Fall von »Das Jahr« eine Übertragung vorgenommen.
Dennoch unterscheiden sich die beiden Fälle, denn das Œuvre des Komponisten Detlev Glanert ist deutlich umfangreicher als jenes des versierten Dirigenten Gauk, zudem ist der Hamburger gerade im Bereich der Oper erfahren (unter anderem »Die Jüdin von Toledo«, UA 2024 an der Semperoper Dresden). Man könnte also annehmen, daß er die Monatsbilder in Fanny Mendelssohns Zyklus auch szenisch versteht und zu gestalten vermag. Den Auftrag zur Bearbeitung erhielt Glanert von der Dresdner Philharmonie in Zusammenarbeit mit dem Mozarteum Orchester Salzburg und dem Scottish Chamber Orchestra (Deutsche Erstaufführung am Wochenende).

Es verblüffte fast nicht, daß Detlev Glanert nicht in die Falle der Überspanntheit und Überakzentuierung tappte, an der so viele Lied- und Klavierbearbeitungen kranken, die einzelne Stimmen enervierend hervorheben oder Gegensätze schaffen, wo ursprünglich keine sind. Nein: der Komponist hat es verstanden – eben szenisch – die Bilder einzufangen, die Fanny Mendelssohn gemalt hat. Manches ist bereits lautmalerisch angelegt, wie die Frühlingsstimmen der Holzbläser, oder trägt einen originalen, auf dem Klavier imitierten Klang in sich, wie Glocken. Aus Mendelssohns feinen Zeichnung, luftigen Aquarellen gleich, hat Detlev Glanert sozusagen farbige Miniaturen geschaffen und Vorgaben zu Pausen und Überleitungen berücksichtigt. So endet der Winter mit einem Innehalten bzw. dem Frühlingspunkt, an dem alles neu beginnt. Auch die Choräle unterliegen nicht einer formalen Gleichförmigkeit, etwa durch verstärkende Blechbläser in der Wiederholung. »Das Jahr« bleibt vielschichtig, transparent und akzentuiert.
Bar Avni koordinierte mit einem sportiven, schon irritierend beweglichen, wenn nicht hektischen Dirigat, doch das Orchester setzte ihre Anweisungen in einen ruhigen Fluß und kontrastreichen Verlauf um, der einen geschlossenen Streicherapparat ebenso bot wie die Intarsie einer Bläserserenade oder einen Blechbläserchor. Wobei der Bearbeiter die Blechbläser oft für Akzente eingesetzt hat und sich in den Chorälen eine geschmackvolle Weihehaftigkeit erlaubt.
»Klein« ist der Zyklus schon auf dem Klavier nicht, eine gute dreiviertel Stunde – also zwei Hauptwerke an diesem Abend. Denn nach der Pause folgte Johannes Brahms‘ Violinkonzert, das die Geschlossenheit des Orchesterapparates noch steigerte. Ohnehin sind die Konzerte dieses Hanseaten sehr sinfonisch gedacht (was ihm zur Uraufführung der Klavierkonzerte manche übelnahmen) und führen im Fall des Violinkonzerts, das zwischen zweiter und dritter Sinfonie entstand, zu einem ebenso sinfonischen Schlußakkord im Tutti von Solist und Orchester.
Doch nicht nur die Philharmonie zeigte sich an diesem Sonntag in Höchstform, auch der Solist verdiente das Attribut »göttlich«. Denn Vadim Gluzman nutzt seine stupende Instrumentenbeherrschung und Tongestaltung nicht, um mit Virtuosität zu beeindrucken (das wäre bei Brahms ohnehin unpassend), sondern für den Ausdruck. Ob Bogenvibrato, langgezogene Kantilene oder kurze Aufwärtsfiguren – nichts war ein nur formaler Ton, alles hatte Ausdruck, folgte Brahms‘ Gefühlswelt. Vadim Gluzman schmachtete, sehnte hingebungsvoll, fing sanft ein und bot mit Verve Nachdruck. »Beseelt«, nicht geringer konnte man dies nennen! Hat es je einen schöneren Brahms gegeben?
Den Solisten und Konzertmeister Wolfgang Hentrich verbindet eine langjährige Freundschaft. Schon vor vielen Jahren ist Vadim Gluzman bei einem der »Dresdner Abende« im Hygienemuseum Gast gewesen, spielte in der Umbauzeit des Kulturpalastes mit der Philharmonie in der Kreuzkirche. Am Sonntag nahm er sich mit Wolfgang Hentrich, dem er die erste Stimme überließ, eine Gavotte (aus Opus 3 Nr. 5) von Jean-Marie Leclair als Zugabe vor.
2. November 2026, Wolfram Quellmalz