Sebastian Freitag spielte im Orgelzyklus mit Variationen und Fugen
Während der Internationalen Dresdner Orgelwochen können »hauseigene« Organisten selbstverständlich mitspielen – schließlich konzertieren sie ebenso weltweit. Domorganist Sebastian Freitag hatte sein Programm für Mittwoch in der Katholischen Hofkirche (Kathedrale) in der Jahresankündigung »Sommerzeit« genannt, die »bunte Mischung« erwies sich aber als erstaunlich konsistent. Zumindest offenbarten sich darin über die Jahrhunderte verstreute, verbindende Elemente, vor allem in den Variationen und Fugen.
Mit Georg Friedrich Händels Concerto g-Moll (Opus 4, Nr. 1) gab es eine passende Einleitung, untermalte der Wahllondoner doch oft sommerliche, festliche Anlässe. Das Larghetto ließ Sebastian Freitag als ungewohnt sanfte Einleitung klingen, worauf das Allegro nun wirklich festlich perlen durfte. Noch einmal sanft gelang der Einschub des Adagio, im Grunde ein Intermezzo, das zum finalen Andante überleitete. Dessen Festlichkeit leitete sich weniger auf den Effekt besonnen ab, sondern aus dem Verlauf der Variationen, die sich würdevoll bis in den Baß steigerten.
Ausgesprochen entdeckenswert war der Mittelteil des Konzerts, für den Sebastian Freitag die Vorgängergenerationen von Händel und die klassischsten Orgelgattungen befragte. Schon die Fantasia sopra Ut – Re – Mi – Fa – Sol – La von Johann Jakob Froberger war weit von einem Schulbuchbeispiel entfernt, was man angesichts der Bezeichnung der Töne in einem System singbarer Silben (»Solismation«, entspricht in diesem Beispiel C-Dur) hätte vermuten können. Doch das »Lehrbuch«, das gleich ein Fugenbeispiel einbegriff, erwies sich als quicklebendig und fließend mit reichem Zierwerk in der Umspielung der Melodie. Manches romantische Schimmern überraschte, wurde aber bald vom nächsten Fugenteil abgelöst.
Georg Muffat ist ebenso einer der bedeutendsten Namen vor Johann Sebastian Bach (oder Georg Friedrich Händel). Seine Toccata undecima (aus »Apparatus musico-organisticus«) hatte eine fast umwerfende Wirkung – auf die teils verspielte Ornamentik Frobergers folgte unmittelbar ein polyphoner Akkord, der Größe, Weite und Vielstimmigkeit (wie eine Allgegenwärtigkeit) vermittelte. Doch blieb dies effektvolle Einleitung, auf welche die eigentliche Toccata folgte. Nun traten wieder eine klare Artikulation und feine Strukturen in Variationen hervor, die erneut ein romantisches Schimmern einschlossen, ein wenig verschwommen allerdings.
Franz Tunder vervollständigte die Trias der Vorgänger mit seiner Choralbearbeitung »Herr Gott, dich loben wir«. Darin standen sich erste und zweite Stimme (Manuale) gegenüber, aus denen erneut weitverzweigte Variationen hervorgingen. Anders als Froberger oder Muffat, die auf ein Höhepunktfinale zusteuerten, perlte Tunder sozusagen ganz entspannt aus.
Der zweite Zeitsprung ging danach weit in die Zukunft bzw. halbierte etwa die »Strecke« von Franz Tunder bis zu uns. Felix Mendelssohns Variations sérieuses Opus 54 (ursprünglich für Klavier solo) haben verschiedene Bearbeiter verleitet, das Stück auf die Orgel zu übertragen. Reitze Smits hat Musikwissenschaften studiert und verbindet als Interpret (Orgel und Cembalo) quasi beide Welten. Seine Fassung der Variations entwickelte gerade am Anfang eine erstaunliche Eigenständigkeit – das Stück blieb dasselbe, man hätte es aber auch für eine Originalkomposition halten können. Erst im Verlauf und mit den Steigerungen, der Zunahme eines pianistischen Charakters, den Mendelssohn gegen Ende hin immer virtuoser betont hatte, wurde die Übertragung »verdächtiger«.
Das Konzert endete mit einem anderen »Verdacht«, nämlich der Frage, wie oft im Jahr Sebastian Freitag Mendelssohns »Hochzeitsmarsch« (aus der Schauspielmusik »Ein Sommernachtstraum«) zu wirklichen Vermählungen spiele, sprich: Hat er dafür noch üben müssen? Auf jeden Fall war die Bearbeitung für Orgel von Théodore Dubois ein in der Tat sommerlicher Ausklang.
6. August 2026, Wolfram Quellmalz
Am 4. September gibt es in der Katholischen Hofkirche eine Art Gipfeltreffen: Dann begegnen sich der aktuelle und zwei frühere Domorganisten (Hansjürgen Scholze und Thomas Lennartz) in einem Sonderkonzert (Beginn: 19:30 Uhr).
