Erinnerung an einen Unvollendeten

Hansjörg Albrecht spielt Karl-Richter-Konzert im Freiberger Dom

Der Name Karl Richter stößt bis heute unterschiedliche Saiten an – die einen verehren ihn, die andere lehnen seine romantischen Bach-Interpretationen ab und stoßen sich an den Tempi. Dennoch sind die Aufnahmen Karl Richters (selbst bei Ablehnung) eine Referenz. Wer derart Energien, Interessen und Begeisterung bündelt, löst etwas aus oder trägt dazu bei, was man noch im Gegenimpuls spürt – die Pioniere der Historischen Aufführungspraxis kamen nach Richter.

So zumindest umriß Hansjörg Albrecht, gebürtiger Freiberger und einige Generationen nach Richter Kruzianer, das Schaffen des Organisten, Dirigenten und Chorleiters, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Als Richter 1981 mit 54 Jahren plötzlich verstarb, blieben viele seiner Projekte und Aufführungen und Wünsche unvollendet.

»Wunder-Richter« und »Bach-König« nannte ihn Hansjörg Albrecht, der Richter selbst noch in viel wichtigerer Funktion denn der eines Kruzianers folgte: von 2005 bis 2023 war er Leiter des von Karl Richter gegründeten Münchner Bach-Chores. Heute arbeitet Albrecht in vergleichbarer Position als Leiter der CPE.Bach.Akademie Hamburg und hat zu Richters Jubiläum ein Internationales Bach.Netzwerk.Festival Karl Richter ins Leben gerufen, das von Plauen (Richters Geburtsort) bis nach London, Paris und Moskau reicht.

Natürlich ist Freiberg ebenso darin eingeschlossen, denn der Mariendom war ein Wirkungsort von Karl Richter. Vor 48 Jahren kam der damals längst in der BRD lebende auf Einladung zurück und spielte an der großen Silbermann-Orgel ein Bach-Programm ein, das heute noch in vielen Musiksammlungen zu finden ist. Dieses Programm spielte Hansjörg Albrecht in seinem Konzert nach, jedoch nicht als nostalgische Wiederbelebung, sondern nach eigenen Maßstäben. Selbstredend lassen sich angesichts der Lebensläufe Einflüsse des Jubilars auf den heutigen Organisten wohl kaum abstreiten.

Hansjörg Albrecht am Spieltisch der großen Silbermann-Orgel im Freiberger Dom, 1978 hatte hier Karl Richter seine Aufnahme eingespielt, Photo: NMB

Da die Spielzeit von Schallplatten meist unter einer Stunde lag, spendete Hansjörg Albrecht quasi eine Zugabe vorab und nahm die Fantasia super »Komm, Heiliger Geist« (BWV 651) auf der kleinen Silbermann-Orgel extra ins Programm. Diese entwickelt mit ihrem Choral im Baß, der im Manual umspielt wird, ohnehin eine einnehmende Wirkung. Bei Hansjörg Albrecht, zu dessen Steckenpferden Transkriptionen von Wagner und Bruckner auf der Orgel gehören, steigerte sich diese Präsenz noch erstaunlich – so »groß« hört man die kleine Orgel selten!

Mit der Dorischen Toccata und Fuge (BWV 538) begann der originale Richter-Programmteil mit hellen, aufwärts eilenden Motiven. Das Aufstreben stand im Wechsel mit spannungsvollen Wellenverläufen – für Ruhe oder Kontemplation schien in diesem energisch-frohen Streben kein Raum zu sein. Um so mehr kontrastierte die Gelassenheit der Fuge, für die Hansjörg Albrecht »flötige« Register gewählt hatte – ein Höhepunkt in diesem Konzert, wuchs sie fast unmerklich und gewann erstaunliche Kraft.

Die Partite diverse sopra »Sei gegrüßet, Jesu gütig« (BWV 768) kehrte mit ihrem Choralbezug zu einer kantablen Darstellung zurück. In den Variationen waren die Stimmen teils eng verschlungen (Nr. 3) oder mit Bläserregistern stark kontrastierend dargestellt (Nr. 4). Teils regelrecht lauthalsen Verkündungen (Variation Nr. 5) standen solche mit gegenläufigen Stimmen (Nr. 6) oder schwingende (Nr. 7 mit Rohrflöten und Tremulant) gegenüber. Die Farbgrade des Spiels wechselten von hell über beinahe Händel‘schen Figuren in der Begleitung (Beginn von Nr. 10) bis in ein mächtiges Finale.

Als Gipfelpunkt hatte Karl Richter damals Bachs Passacaglia c-Moll (BWV 582) gewählt, natürlich gemeinsam mit der zugehörigen Fuge und nicht als alleiniges Spektakel. Gerade solche Werke verlangen nach einer ausgefeilten Interpretation. Hansjörg Albrecht stellte mit seinen Mitteln, aber sicher im Sinne Richters die Architektur in den klanglichen Vordergrund. Aus dunkler Tiefe baute sie Rampen in immer weitere Höhen.

So knapp wollte das Publikum den Organisten nicht entkommen lassen – für eine echte Zugabe, Bachs »Jesu bleibet meine Freude« (aus BWV 147) war noch Zeit.

7. August 2026, Wolfram Quellmalz

Konzerttip: 19. September, 17:00 Uhr, Der »Ring« in 90 Minuten, moderiertes Orgelkonzert in St. Marien Pirna, mit Hansjörg Albrecht (Orgel) und Tom Adler (wissenschaftlicher Mitarbeiter der Richard-Wagner-Stätten Graupa, Moderation)

Bach.Netzwerk.Festival Karl Richter:

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