Alte Meister?

Mit Marek Janowski glühte Bruckners achte Sinfonie im Gewandhaus

Ursprünglich sollte Herbert Blomstedt im Großen Concert des Gewandhausorchesters Anton Bruckners achte Sinfonie dirigieren. Nun hat der Ehrendirigent des Orchesters jedoch viele Auftritte gesundheitsbedingt absagen müssen. In Leipzig sprang ein jüngerer Kollege ein – Marek Janowski übernahm die Aufführung ab Donnerstag und scheint auf »alle Achte« zu setzen – auch im Dezember wird er Bruckner acht dirigieren, mit den Berliner Philharmonikern.

Unter den Sinfonien des Komponisten ragt jene in c-Moll, WAB 108, noch einmal heraus. Düster im Wesen, befaßte sich Anton Bruckner lange damit. Anfangs war vollkommen unzufrieden (unsicher?) mit ihr, begann eine Umformung. Trotzdem gab es nur eine zweite Fassung statt drei oder vier wie bei anderen seiner Sinfonien. Die zweite Fassung der Achten, 1890 vollendet und in der Edition von Leopold Nowack erschienen, hatte Marek Janowski auflegen lassen – er selbst dirigierte wieder auswendig.

Marek Janowski, Photo: © Felix Broede

Der Hinweis, Handys bitte abzustellen, kann noch so freundlich sein und noch so unnötig einladen, sie dann beim Applaus einzuschalten, um »die Atmosphäre mit anderen zu teilen« – eines klingelt immer noch. Doch Marek Janowski ließ es verklingen und wartete vollkommene Ruhe ab. Und verlieh der Düsternis mehr als nur eine kantige Kontur – samten standen die Streicher in der Dunkelheit den Blechbläsern gegenüber, die Oboen begannen, im dichten Gewebe Kantilenen zu formen. Solche eingebetteten Soli prägten auf unauffällige Art den Abend, wie mit den Flöten, die kurz darauf aus dem Verbund der Blech- und Holzbläser herausragten. Auch dialogisch (erste Violinen und Fagotte) überzeugte Janowskis Lesart mit einer zentrierten Tuba in den Blechbläsern.

Geradezu chorsinfonisch formte Marek Janowski den Ausdruck des Orchesters, schärfte mit einem Mal den Blechbläserklang, der gischtend zu fluten schien, bevor Flöten, Trompeten und Kontrabässe diese besondere Farbe zusammenstellten, helleuchtend und doch mit einem dunklen Unterton.

Das Scherzo stand im lebhaften Kontrast zur Majestät des ersten Satzes, schien eher auf eine Shakespearesche Spannung zu zielen. Stimmungsvoll, nun auch von drei (!) Harfen umspielt, erinnerte die Harmonik immer wieder an Richard Wagner, den Bruckner verehrt hatte.

Das Adagio kehrte aus dem Theater zurück in die Welt der Weite und der Berge. Beeindruckend, wie der Teppich der Streicher gleichzeitig tragen und schweben konnte! Einzelne Gipfelpunkte oder -grate durch Solisten gab es kaum, bis aus dem unscheinbaren Raunen die Cellogruppe einen neuen Chor eröffnete. Ein Wendepunkt, der zu neuen Dialogen (Violinen und Blechbläser) führte, den Klang weitete, weicher machte, eine leuchtkräftige Atmosphäre wachsen ließ – vier Hörner läßt Bruckner immer wieder zu den Wagner-Tuben wechseln, was nicht nur geschmeidiger Klang, sondern den Anteil der menschlichen Stimme zu vergrößern schien, wiewohl kein Wort gesungen wurde. Und doch vernachlässigte Marek Janowski die Grenzlinien nicht, wie am Ende des Adagios, als die Kontrabässe mit Schlägen punktgenau, aber ohne Pauke ihre Akzente setzten.

Endlich schien die Dunkelheit durchbrochen: Das Finale wird nicht nur von steigenden Streicherlinien eröffnet, die Bläser setzen ebenso mit Fanfarenmotiven ein. Bruckners Majestät, zeigte sich wieder, ist nicht kolossal oder mächtig, sie lebt von feinen Unterschieden wie Stimmungsschwankungen, Aufhellungen oder unterschiedlichen Leuchteffekten, wie gerade in der Horngruppe mit acht Spielern deutlich wurde, die sich immer wieder teilte (Hörner allein oder hälftig Hörner und Wagnertuben). Darin zeigte sich gar ein unbekannter Wesenszug Anton Bruckners, denn auf sein Shakespeare-Theater im zweiten Satz folgt nun Ironie: »Ach, wirklich?« schienen die Bläser am Beginn des Finales die Fanfaren zu entkräften.

Bruckner bzw. Janowski waren nun nicht mehr zu bremsen, das Orchester amalgamierte und zeigte eine Gipfellandschaft aus dem Tutti der Bläser und Streicher, als sehe Ballonfahrer über die Berge. Kanten traten klarer hervor, auch der Rhythmus als treibendes Maß, dessen Schrittweite die Pauke definierte, steigerte den Sog. Mit dem apotheotischen Schluß schien in der Tat etwas überwunden, eine quälende Frage oder die Dunkelheit – endlich frei! Stille nach dem Ende, wie zu Beginn, aber jetzt im Zeichen der Entspannung.

18. September 2026, Wolfram Quellmalz

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