»Alcina« bei den Münchner Opernfestspielen
Während andere Opernhäuser in die Sommerpause gehen – in Sachsen sind wir mitten in den Ferien – dreht die Bayerische Staatsoper noch einmal richtig auf: Zwischen 18. Juni und 31. Juli finden in diesem Jahr die Münchner Opernfestspiele statt. Dann gibt es Repertoirevorstellungen mit Starbesetzungen sowie die letzten beiden Premieren der Spielzeit. Nach der »Walküre« unter der Leitung von Wladimir Jurowski stand jetzt Georg Friedrich Händels »Alcina« auf dem Spielplan. Auch deren Dirigent hat Dresdner Bezüge: Während Jurowski in Dresden studiert hat, war Stefano Montanari als Musikalischer Leiter und Mentor viele Jahre ein wesentlicher Impulsgeber des Jungen Musikpodiums Dresden – Venedig.

In München hatte Sir Peter Jonas, von 1993 bis 2006 Intendant der Bayerischen Staatsoper, eine lange Reihe von Händel-Aufführungen ins Leben gerufen. Jetzt knüpft das Haus mit »Alcina« an diese Tradition an. Die berühmteste der Italienischen Opern des Wahllondoners ist aber nicht am Nationaltheater, sondern im kleineren Prinzregententheater zu Hause. Und: Das Bayerische Staatsorchester hat – nicht zuletzt wohl aus den Erfahrungen der Peter-Jonas-Zeit – explizit den Wunsch gehabt, auf alten Instrumenten zu musizieren. Sämtlicher Streicher und die meisten Bläser mußten sich also umstellen, haben teilweise ein Jahr lang Meisterkurse besucht. Nur für die ganz extremen Instrumente, Blockflöte, Barockoboe und Fagott sowie den im normalen Orchester nicht vorhandene Basso continuo hat man sich Spezialisten geholt. Stefano Montanari selbst übernahm das Cembalo.

Das Resultat überzeugt musikalisch ohne Einschränkung. Statt eines stehenden Kammertons a spielt des Cembalo bevor es beginnt ganze Akkorde und sorgt für eine andere Stimmung im doppelten Sinn. Diese erhält sich durch eine großartige Besetzung, die nicht allein mit wunderbaren Stimmen, sondern einem gewitzten Spiel aufwarten kann.
Die Zauberin Alcina lockt Menschen, vor allem Männer, auf ihre schöne Insel, doch nichts in diesem Zauberreich ist echt! Wenn Alcina genug von ihren Gespielen hat und ihrer überdrüssig wird, verwandelt sie sie – als Steine, Bäume oder Tiere werden sie ein Teil der Insel. Da kommt eine Gruppe, will Alcina und ihr Schloß finden. Doch sogleich entspinnen sich Liebesränke und Versteckspiele …
Die Inszenierung (Johanna Wehner) scheint zunächst simpel, bietet kaum mehr als Schau- oder Stellplätze (Bühne: Benjamin Schönecker), Positionen, von denen aus die Sänger ihre Arien abfeuern – Händel hat Arien immerhin die wesentlichsten Anteile übertragen. Die Kostüme (Ellen Hofmann) können allerdings verzaubern.

Johanna Wehner zeigt Alcina als frustriertes, wütendes Kind, das sein Spielzimmer verwüstet – oder ist sie eine unbefriedigte Frau mit einer nie zu stillenden Sehnsucht? Der mögliche Ansatz wird nicht vertieft. Dienstbare Geister sind jederzeit zur Stelle, um die Unordnung wieder aufzuräumen und zerbrochenes zu ersetzen. Im Finale allerdings entwickelt die Inszenierung, wenn sich die Protagonisten zwischen den verwandelten Statuen streiten und miteinander rechten, szenische Zauberkraft.
Die liegt zuvor allein in Stimmen und Orchester, wobei es Stefano Montanari immer wieder gelingt, Lichteffekte und -kontraste erfrischend in der Musik zu spiegeln. Manchmal genügen die Stimmen allein, wie am Ende des zweiten Aktes in der Szene der liebenden Ruggerio (John Holiday) und Bradamante (Avery Amereau), die von Morgana (Elsa Benoit) belauscht werden – diese Dreierspannung ist ein Höhepunkt, den Ruggerio mit seiner traurigen Arie über das Trugbild der Insel (»Verdi prati, selve almene«) geradezu überirdisch krönt. Erst das Finale der Oper (Bradamante, Ruggiero und Alcina) erreicht wieder solche Spannung.

Bis dahin und darüber hinaus lebt der Abend aber von Händels betörender Musik und der gekonnten musikalischen Umsetzung. Stefano Montanari versteht es als Alte-Musik-Experte, Belebung zu schaffen und für Steigerungen zu sorgen. Flöten, die Konzertmeistervioline oder das Violoncello werden zu großartigen Solisten, die stets geschmackvoll zur Singstimme ausbalanciert bleiben. Ein Höhepunkt ist die Szene mit dem Helden Ruggerio und seiner Braut Bradamante im dritten Akt, von zwei prächtigen Hörnern begleitet. John Holiday gehört ohnehin zu den Stars des Abends. Als Countertenor angekündigt (Händel schrieb die Rolle für den Kastraten Farinelli in Mezzo-Lage) erreicht er mühelos Sopran-Spitzen, findet aber auch dramatische Alt-Tiefen – spektakulär! Ähnlich ist es bei Jeanine De Bique (Alcina), die über den Abend ein hinreißendes Piano entwickelt und vor allem in den kantablen mittleren Lagen begeistert. Anfangs schwamm ihr Vibrato noch recht stark, auch kippt ihre Stimme manchmal in schneidende Schärfe – nach dem Rollendebüt darf man ihr jedoch den Raum zugestehen, hineinzuwachsen. Und nicht zuletzt sind diese zwei so unterschiedliche Attribute des Ausdrucks fast wie zwei Stimmen – so ambivalent wie Alcina selbst?
Noch ein wenig mehr begeistert an diesem Abend (zweite Vorstellung nach der Premiere am 13. Juli) Elsa Benoit als Alcinas Schwester Morgana. Ihr gelingt gemeinsam mit Avery Amereaus Bradamante die sinnlichste und stimmlich überzeugendste Darstellung – selbst von weiter hinten auf der Bühne. Weit geschlungene Kantilenen, eine feine Phrasierung im Piano und kleine, die Leidenschaften steigernde Rauhheiten sorgen immer wieder für Ohrenkitzel – verdienter Extraapplaus für diese beiden edlen Rollen!

Das starke Ensemble wird von Carine Tinney als Oberto in schönster Herbheit und Julien Prégardien (Oronte) abgerundet. Prégardien gelingt mit an diesem Abend männlichster Stimme, aber vor allem pointierten Spiel eine Aufwertung der Nebenrolle (oder kleineren Hauptrolle). Zudem beweist er, wieviel Gestaltungsspielraum ein Rezitativ bietet. Bei ihm verbinden sich charakteristischer Stimmklang und schauspielerisches Talent!
22. Juli 2026, Wolfram Quellmalz