Akkorde mit Impetus

Jonas Stark sprang beim Pianoforte-Fest Meißen ein

Eigentlich sollte das Pianoforte-Fest Meißen mit einem Konzert des Leipziger Bachpreisträgers 2025, Jan Čmejla, in der Aula des Landesgymnasiums Sankt Afra abschließen. Bei einem Programm, das Werke Jean-Philippe Rameaus, Lili Boulangers und Frédéric Chopins versprach, war das Publikum bereits gespannt, da kam – kaum einen Tag vor dem Auftritt – die krankheitsbedingte Absage. Glücklicherweise gelang es Jan Thürmer, einen anderen Preisträger, Jonas Stark, binnen kurzem an anderer Stelle loszueisen. Sein Programm freilich war nicht dasselbe – macht nichts, denn das originale Konzert mit Jan Čmejla will das Pianoforte-Fest, wenn möglich, im kommenden Jahr nachholen.

Jonas Stark begann mit den »Gesängen in der Frühe« Opus 133 von Robert Schumann. Kein »Gesang« im eigentlichen Sinne, doch sind viele Gedanken darin eingeschlossen. Vielleicht – die Stimmung legt dies nahe – solche, die man abends faßt und notiert, damit man sie morgens, zum besseren Start in den Tag, aufsagen, singen kann?

Jonas Stark gab kleine Einführungen zu den Werken, Photo: NMB

Gedehnt, voller gedanklicher Tiefe schien schon das erste der Stücke, den Schumann »Im ruhigen Tempo« zuschrieb. Jonas Stark hob mit der Balance von Melodie und Baß gerade dunkle Akkorde hervor, die sich jedoch die Waage hielten, nicht übermächtig wurden. So entstanden atmosphärische Bilder, die teils, wie im ersten Stück, Debussys Images vorausahnen ließen. Das folgende »Belebt« schloß der Pianist nicht nur lückenlos an, es schien seine Kraft aus dem ersten der Gesänge zu schöpfen. Das klangvolle, akkordische Spiel mit der Balance hielt Jonas Stark bei. Schumanns spätes Werk, in dessen Zeit er sich durchaus schon belastet gefühlt haben mag, stellte eine freie, freudige Innenwelt dar (»Lebhaft«) – ein Beispiel, daß man den Versuch, die Kenntnis einer Biographie und den Charakter eines Werkes zu synchronisieren, unterlassen sollte. Im abschließenden, noch einmal bewegtem Stück kam Schumann in Jonas Starks Interpretation dem Gesang, hier fast ein Choral, am nächsten.

Franz Schuberts Moments musicaux (D 780) anzuschließen, war vielleicht etwas gewagt. Nicht die zeitliche Differenz, sondern die »Nähe mit Unterschieden« sorgt dafür, daß sich beide Werke, Schumanns Gedanken und Schuberts Grübeleien, ein wenig beißen. Statt akkordischer Rückungen bestimmten Rhythmen, oft tänzerisch, die zauberhaften sechs Musikalischen Augenblicke und verbanden Gedanken mit Bewegung – Franz Schubert hatte oft zum Tanz aufgespielt. Die Perlen darin, wie den zauberischen Mittelteil im ohnehin betörenden Andantino, ließ Jonas Stark noch ein wenig mehr glänzen. Anderes, wie das Allegro vivace, war über die Lebhaftigkeit hinaus äußerst heftig vorgetragen. Da hätte man sich doch ein wenig mehr kammermusikalische Zurückhaltung gewünscht, dennoch lag in dieser aufgewühlten Darstellung auch viel Glaubhaftigkeit. Nicht zuletzt war Schubert für Schumann, der manches Werk des Wiener Kollegen (wieder)entdeckt und die Uraufführung der großen C-Dur-Sinfonie (durch Felix Mendelssohn) veranlaßt hatte, ein wichtiger Bezugspunkt.

Im Konzert über Musik zu reden ist stets schwierig, Moderationen gehören in andere Formate. Schließlich unterbricht das Wort die Musik und kann, selbst wenn es treffend ist, irritieren bis hin zum Gemurmel im Publikum (»Hast Du etwas verstanden?«). Insofern waren Jonas Starks kurze Einführungen ein wenig an der Grenze, wiesen aber dennoch auf lohnendes hin, wie den Umstand, daß Erwin Schulhoff ein Motiv seiner ersten Klaviersonate aus Beethovens Opus 110 entlehnt hatte.

In Schulhoffs so selten gespielter Sonate offenbarte Jonas Stark vielleicht die größte Authentizität. Die Aufgeregtheit der 1920er Jahre spiegelte sich spieldosenartig darin ebenso wie energiegeladene Impulse eines Fortschritts. Mit differenziertem Anschlag und technisch sauberen Läufen war das Werk vorzüglich »serviert«. Und auch hier stimmte die Balance zwischen motorisch getriebenen Figuren und unterschwellig grollendem Baß.

Abschluß mit Beethoven, Photo: NMB

Zurück in der Zeit durfte Ludwig van Beethovens vorletzte Klaviersonate den Abend beschließen. Nun blitzten wieder die Akkorde, wie sie Schubert zur Belebung verwendet hatte, doch Beethoven ließ Jonas Stark außerdem eine Zärtlichkeit zukommen, die man bei Schubert vermißt hatte. Im letzten Satz fanden strukturelle Einheit und der Impetus eines lebhaften Aufbegehrens zusammen.

Als Zugabe wiederholte Jonas Stark noch einmal sein liebstes Moment musicale.

17. September 2026, Wolfram Quellmalz

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