Orchesterkonzert als Höhepunkt der Akademie

Moritzburg Festival im Dresdner Kulturpalast

(Der Text sollte ursprünglich bereits Im August veröffentlicht werden, fiel aber offenbar einem digitalen Netzausfall zum Oper, daher als Nachtrag.)

Das Moritzburg Festival (MBF) hat in diesem Jahr viele Flußnamen in seinen Programmtiteln verankert. In Verbindung mit den weitverzweigten Musikgattungen und Werken konnte der Eindruck entstehen, außer dem Nil und den Wasserflüssen zu Babylon sei so ziemlich jedes strömende Gewässer der Welt vertreten. Am Sonnabend unterstrich das MBF diesen Eindruck noch einmal mit einem Orchesterkonzert seiner Akademie. »Alles im Fluß« versammelte einige der wichtigsten Ströme Europas.

Das Akademiekonzert ist seit vielen Jahren ein Programmpunkt, mit dem sich das MBF besonders an neue und junge Besucher wendet und diese auch gewinnt. So mußten diesmal sogar kurzfristig noch die oberen Ränge geöffnet werden und selbst unter der Orgel blieb kaum ein Platz frei.

Eloquenter Solist: Albrecht Meyer spielte aus dem MFO heraus, Photo: MBF, © Oliver Killig

Dafür standen auch zugkräftige Stücke auf dem Programm, wie Bedřich Smetanas »Die Moldau«. Mit Bläsern begann ihr Fließen, von Pizzicati belebt, erst die Streicher ließen den Fluß wirklich anschwellen. Das Moritzburg Festival Orchester (MFO) malte den Verlauf der Moldau bzw. die Episoden des Stücks schlank aus, so daß sie einerseits darstellerisch bildhaft und -kräftig blieben, andererseits auch forciert ihre Klarheit behielten.

Ein Oboenkonzert von Wolfgang Amadé Mozart war danach eine Dresdner Erstaufführung – schon wieder, könnte manch einer sagen, nach der erst kürzlich präsentierten »Ganz kleinen Nachtmusik« (Mozart-Verein zu Dresden, April 2025). Allerdings handelt es sich bei KV 293 bzw. KV 416f nur um das Fragment eines Satzes. Ob Mozart es ihn Mannheim (an Rhein und Neckar) oder schon in Paris begonnen hat, weiß man nicht. Albrecht Mayer, Solooboist der Berliner Philharmoniker, ließ das Fragment vom Komponisten Gotthard Odermatt ausarbeiten, den ersten Satz vervollständigen und die zwei fehlenden ergänzen. Wieviel Mozart (noch) darin steckt, darf man also fragen, zumindest einen »Schuß Spree« läßt sich vermuten.

Allerdings sind, wie sich im Konzert zeigte, typische Mozart-Elemente eingefangen. Von den Rokoko-Figuren des Solisten über den kantablen zweiten Satz bis zu den Orchesterdialogen, in denen sich die Solo-Oboe vor allem mit den Hörnern und den von Mozart geliebten Klarinetten austauscht. Zudem bot das Werk beiden Seiten Darstellungsraum – Albrecht Mayer als versiertem und eloquenten Solisten, der seinen Oboenklang in jedem Satz in einer ausgedehnten Kadenz baden durfte, sowie dem MFO als vielfarbigen und seinerseits virtuosen Spielpartner. Dazu ließ es sich von Dirigent Josep Caballé Domenech, der nicht auf hervorgehobenen Präsenz, sondern geschmeidige Zurücknahme und auch einen leicht gedämpften Ausdruck setzte, zu einer geschmackvollen Gesamtdarstellung verleiten.

Die Eloquenz dehnt sich bei Albrecht Mayer aufs Reden und den Austausch mit dem Publikum aus, schließlich war er einer der Zugmagneten dieses Abends. Dem kam die Zugabe aus London, Händels »Lascia ch’io pianga«, erwartungsgemäß nach.

Josep Caballé Domenech leitete die Moritzburg-Akademisten, Photo: MBF, © Oliver Killig

Nach der Pause änderte sich die Strömung mit auf Maximalgröße gewachsenem Kammerorchester erheblich. Richard Wagners »Gesang der Rheintöchter« aus »Das Rheingold« erklang in einer zeitgenössischen Bearbeitung (Herman Zumpe). Vom schönen Hornruf geweckt, ließ sich darin mehr als nur ein »Wallala, weiala weia!« entdecken, vielmehr schienen die Rheintöchter in den geschichteten Bläsern und munter webenden Streichern zu tauchen und ihr neckisches Spiel zu treiben (»Heiaha weia! Wildes Geschwister!«).

Geographisch blieb das Konzert mit Robert Schumanns dritter Sinfonie am Rhein. Dennoch sind die Klangwelten von Wagner und Schumann so weit auseinander wie die Rheinquelle in Graubünden und der Niederrhein bei Düsseldorf. Das öffnete nicht nur Darstellungsräume, sondern sorgte für Gestaltungsbedarf. Josep Caballé Domenech blieb bei seiner schon in den vergangenen Jahren praktizierten Methode, mit Mut zum Risiko ein lebendiges Spiel zu unterstützen und hier und da korrigierend oder lenkend einzugreifen. Das sorgte nicht nur für ein vitales Musikerlebnis, sondern fördert auch den Erfahrungsschatz der Akademisten. So konnte die Rheinische mit dem Gold der Spitzen (Flöten) ebenso punkten wie mit einer für die Besetzungsgröße erstaunlichen Dichte.

Natürlich darf an solch besonderen Abenden auch das Orchester eine Zugabe präsentieren. Das MFO blieb mit Johann Strauss‘ (Sohn) »Ader schönen blauen Donau« bei den Flüssen.

23. August 2026, Wolfram Quellmalz

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