Dresdner Musikfestspiel zwischen den Spielzeiten
Das Abschlußkonzert der Dresdner Musikfestspiele (DMF) liegt fast ein viertel Jahr zurück, das neue Programm ist noch nicht angekündigt. Doch mit einem Sonderkonzert im Dresdner Kulturpalast und dem zeitgleichen Auftakt des Wagner-Projektnachklangs mit dem Dresdner Festspielorchester in Luzern gaben die DMF vor dem Winter ein leuchtturmgleiches Zeichen. In Luzern stand zunächst die »Götterdämmerung« auf dem Programm, mit dem die Tetralogie im Originalklang in diesem Jahr abgeschlossen wurde, 2027 folgen weitere, teils ganze »Ring«-Aufführungen.
Das Programm zum 50. Jubiläum der Festspiele zwischen 14. Mai und 13. Juni ist noch ein Geheimnis, das Sonderkonzert gab bereits einen Vorgeschmack auf eine Portion Extraklasse: Wiener Philharmoniker, Violinistin Hilary Hahn und Dirigent Tugan Sokhiev – keine Dämmerung bei den DMF!
Ohnehin gehört Hilary Hahn zu den leuchtenden Lichtern der Branche. Es ist schon verblüffend, über welch eigenen Ton sie verfügt. »Signature voice« nennt man das neudeutsch gern in der Opernsprache, wenn ein Sänger so unverkennbar ist. Hilary Hahn zeigt, daß das ebenso für Instrumentalisten gelten kann. Ihre lyrischen Kantilenen, die jubilierend auffahrende Violine oder der herbe, dunkle Klang, den sie über einen Kippunkt gleiten läßt – all dies findet sich schon in ihrer ersten Sibelius-Aufnahme von 2008 (!).

Nach fast zwanzig Jahren hat sich die Amerikanerin einerseits weiterentwickelt, ist aber unverkennbar sie selbst geblieben. Antonín Dvořáks Violinkonzert a-Moll (Opus 53) konnte davon profitieren. Doch der souverän leitende Tugan Sokhiev machte das Orchester gleichermaßen zum Ereignis. Sokhiev kann loslassen, kann den organischen Klang mit einem kleinen Wink lenken, oder gewähren, fließen lassen. So fanden sich Hahns oft lyrische, aber manchmal auch rauhe Soli ein Gegenüber mit formidabel stützenden Bläsern, die trugen wie in anderen Werken die Streicher, statt allein Soli oder Gegenthemen zu entwerfen. Die tiefen Bläser waren es zunächst – Dvořák ließ sie oft stehen und die Solovioline stützen. Auf dialogische Wirkung verzichtet er im Gegensatz zu anderen Komponisten oft, sondern setzt auf ein symbiotisches Zusammenwirken.
Dieses gelang ganz außerordentlich, obwohl oder gerade weil beide Partner so unterschiedliches betonten – die Solisten den Gesang, mal licht, mal melancholisch, das Orchester eine feine Volkstümlichkeit – fabelhaft! Das Adagio ma non troppo geriet auf diese Weise zu einer kammermusikalischen Serenade, die im zweiten Teil – erneut mit den Bläsern – sinfonisch wuchs. Kein Wunder, daß das Publikum die Solistin gar nicht gehenlassen wollte. Zweimal Bach mußte es sein: die Sarabande aus der Partita BWV 830 und eine flotte Gigue aus BWV 1006, mit der Hilary Hahn 1997 kometenhaft den Plattenmarkt erobert hatte.

Orchester wie die Wiener Philharmoniker gehören zu den spektakulärsten Höhepunkten eines Musikfestes. Zudem verstand es Tugan Sokhiev, aus der Gruppe mit herausragenden Solisten und höchst sensibel agierenden Musikern einen eingeschworenen Klangkörper zu formen, der auch Sergei Prokofjews Auszüge aus dem Ballett »Romeo und Julia« (Sätze aus der ersten und zweiten Suite) zu einem Erlebnis machte.
Anders als beim geschmeidigen Dvořák war hier sofort eine hohe Spannung spürbar, reicherten Schlagwerke die Eindrücke an. Doch das Orchester bewahrte einen noblen Grundklang ebenso, wie es am Ende (Tybalts Tod« als letzten Satz) in den Celli und Kontrabässen die Schläge der Trommel verstärkte. Daß der Dirigent hier nicht der Dramaturgie des Balletts folgte, sondern die Suiten rein musikalisch betrachtete, sei dem ausgewiesenen Sinfoniker Sokhiev gestattet.
Mitunter war der Kontrast zwischen Schlagwerkkaskaden und der eleganten Schärfe der Streicher beachtlich, was zum dennoch erzählerischen Duktus paßte. Die Bläser, vor allem die großartige Horngruppe, sorgten immer wieder für einen goldenen Schimmer – mal im Hintergrund, mal vereint mit der starken Tuba (»Die Montagues und die Capulets«). Dunkel, auch leise, ging »Romeo und Julia vor der Trennung« unter die Haut.
Mit dem letzten Schlag wollte niemand im Kulturpalast schon die Dämmerung einsetzen lassen. Tugan Sokhiev ließ mit der Ungarischen Schnellpolka »Eljen a Magyar« schon einmal auf das kommende Neujahrskonzert, das er leiten wird, ausblicken.
11. September 2026, Wolfram Quellmalz
50. Dresdner Musikfestspiele, 14. Mai und 13. Juni 2027, Vorverkaufsbeginn: 25. November
