Kurtágs Präludien und Bachs Miniaturen

Pierre-Laurent Aimard beim Lausitz Festival

Am Vorabend seines 69. Geburtstages bescherte Meisterpianist Pierre-Laurent Aimard dem Lausitz Festival und der Brüdergemeinde Herrenhut einen außerordentlichen Klavierabend. Einen Jahreshöhepunkt, kann man getrost sagen – wohl kaum jemand, nein niemand verbindet historisch überlieferte und zeitgenössische klassische Klaviermusik derzeit so authentisch wie der Franzose. Das liegt wohl nicht wenig daran, daß ihn mit Komponisten wie György Ligeti, Olivier Messiaen oder Karlheinz Stockhausen eine enge Zusammenarbeit, wenn nicht Freundschaft verband. Zu György Kurtág, der im Februar 100 Jahre alt geworden ist, besteht diese rege Beziehung bis heute, wie ein 2025 veröffentlichtes Album beweist.

»BACHKURTÁG« hatte Aimard sein Programm genannt, ganz so, als sei das ein einzelner, untrennbarer Name. Doch es war nicht nur ein Titel, sondern auch in der Umsetzung verblüffend glaubhaft. Schien es doch oftmals, als habe Bach einen Teil seiner Inspiration aus Kurtágs Werken gezogen, als haben diese ihm einen Impuls gegeben. Konsequent begann Pierre-Laurent Aimard mit Präludium und Choral von György Kurtág und ließ Bach das letzte Wort. Dazwischen hatte der Pianist eine wechselnde Folge von Werken beider Komponisten angelegt, die sich gegenseitig anzuregen schienen. Einerseits, weil in vielen Stücken des ungarischen Komponisten Glockenintervalle oder -akkorde zu hören waren, andererseits, weil Aimard gerade zu jenen Pianisten zählt, die mit ihrer Virtuosität nicht Strukturen ausleuchten, sondern die Zwischenräume beleben.

Konzentration pur: Pierre-Laurent Aimard im Kirchensaal der Herrnhuter Brüdergemeinde, Photo: NMB

Eben weil Präludien und Fugen sonst oft in ihrer architektonischen Schönheit präsentiert werden, fiel dieser Unterschied auf. Agogische Freiheiten bei Bach! Gerade diese Rückungen bewahrten ihn vor einem metrischen Gleich- oder Richtmaß, wirkten erfrischend. Nach Kurtágs perlender Eröffnung war Bachs Präludium und Fuge E-Dur (BWV 854) von einer Bewegung oder Schwingung getragen, Melodie und Takt gingen erst in zweiter Linie darin auf. Gleichzeitig waren die Miniaturen Kurtágs in vielen Fällen Erinnerungen, Hommagen an mittlerweile verstorbene Kollegen und Freunde wie Farkas Ferenc, András Mihály oder György Szoltsányi. Doch nicht nur – Pierre-Laurent Aimard gönnte dem Publikum den Vergleich eines zum Geburtstag Dóra Antal angefertigten Musikstückes, das in zwei Fassungen erklang. Schien die erste (hier später gespielt) nicht doch heller? Immer wieder berückend war, wieviel Hall Kurtág bzw. Aimard (mit gehaltenem Pedal) auszulösen vermochten.

Wiewohl Kurtág eindeutig der Miniaturenkomponist ist, legte Pierre-Laurent Aimard ebenso bei Bach Muster von Miniaturen offen. Nicht nur in ihrer Freizügigkeit schienen sich Kurtág (tonal) und Bach (Tempi, Pausen) zu »treffen«. Warum auch nicht? Schließlich war Bach zumindest zum Teil Ungar – sein Ururgroßvater, der Bäcker und Müller Veit Bach, kam einst aus dem Ungarisch-Mährischen Gebiet nach Thüringen.

Was Pierre-Laurent Aimard vorführte, war von atemloser Konzentration und Stille begleitet – kein Gedanke, zwischen den Werken zu applaudieren! Präludien und Fugen in As-Dur, B-Dur, c-Moll oder d-Moll wechselten mit Kurtágs licht- und kontrastreichen Stücken, die hier und da noch auf andere Komponisten zu verweisen schienen – auch Luciano Berio hatte sich mit »Grashalmen« befaßt. Fanfarenmotive des Ungarn standen in lebhaftem Gegenüber zu den hüpfenden Synkopen des »angelandeten Thüringers«. Daß Aimards Artikulation vom feinsten ist, versteht sich von selbst. Was ihn so unnachahmlich macht, ist aber eben keine Exaktheit, sondern die Intensität ohne Extravaganz – dieser Mann »brennt« für die Gegenwartsmusik!

Zugabe überflüssig: Pierre-Laurent Aimard, Photo: NMB

Diese könnte sich kaum einen besseren Vermittler wünschen. Pierre-Laurent Aimard hält noch im Ungleichgewicht die Balance, denn natürlich waren die Zeitanteile im Konzert für Bach größer. Zudem schloß er längere, komplexere Stücke ein, wie verschiedene Contrapunctus aus »Die Kunst der Fuge«. Bach gehörte diesmal zwar nicht das »Alpha« in der Musik, aber das »Omega«: ein Präludium (B-Dur, BWV 868) zum Abschluß im Kirchensaal der Brüdergemeinde. Viele Besucher hätten sich noch mehr gewünscht, aber nach solch durchdachtem Programm konnte es keine Zugabe geben.

9. September 2026, Wolfram Quellmalz

CD-Tips: György Kurtag »Jatekok« (Spiele) für Klavier, Johann Sebastian Bach »Das Wohltemperierte Klavier, Teil 2«, mit Pierre-Laurent Aimard, erschienen bei Pentatone (jeweils 2 CDs)

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