Silbermann-Erkundungen

Organistin Anna Scholl im Freiberger Dom

Am gleichen Tag vor einem Jahr war die Organistin Anna Scholl (Marktkirche Halle) in Dresden gewesen [Konzert in der Hofkirche, unser Bericht: https://neuemusikalischeblaetter.com/2025/06/09/das-funkeln-der-fugen/]. Nun gastierte sie, wieder am 4. Juni, an einer Silbermann-Orgel in Sachsen, diesmal in Freiberg. Mit historischen Orgeln ist Anna Scholl eng vertraut, vor allem die Instrumente Arp Schnitgers kennt sie aus dem Effeff. Im Rahmen ihrer historischen Erkundungen sind unter anderem zwei sehr empfehlenswerte CDs an den Instrumenten in Lüdingworth und Altenbruch entstanden.

In Freiberg erklingen im Rahmen der donnerstäglichen Abendmusiken in der Regel beide Silbermann-Orgel des Domes, und wie die meisten Organisten begann Anna Scholl auf dem kleineren Instrument. »Klein« bezieht sich dabei auf die Anzahl der Pfeifen (787), Register (14) und Manuale (eins), die jeweils geringer sind als bei der großen Schwester (2674 / 44 / 3), das hält die kleine Orgel aber nicht zurück, das Kirchenschiff mit reichem Klang fluten zu können.

Anna Scholl kehrte jedoch nicht die Klangpracht hervor, sondern hatte offensichtlich eine Klangschönheit im Sinn. Mit Matthias Weckmanns Praeambulum primi toni a 5 erkundete sie zu Beginn eine der alten Kirchentonarten (dorisch), deren Harmonie sich ganz anders erschließt als der heute gewohnte Standard von »wohltemperiert«. Allein schon die Tonalität berührte, zunächst mit kräftigem Baßfundament, dann aber zunehmend im Gesang der fünfstimmigen Polyphonie – eine erste Bereicherung! Wie noch in den anderen Stücken mehrfach folgend führte Weckmann sein Werk auf den Gipfel einer Fuge, nun wieder mit tragendem Baß.

Die Phantasie und Freizügigkeit der Alten Musik blieb bei Johann Jakob Frobergers Fantasia sopra FbWV 201, die ihre Tonalität dem Namen angefügt hat (Ut, Re, Mi, Sol, La), ebenso erhalten wie im Ausschnitt der 40. Variation über »Vater unser im Himmelreich« von Johann Ulrich Steigleder. Obwohl sein Name nach Bergbau und Erzgebirge klingt, stammte er aus einer Familie württembergischer Organisten. Während Froberger sein Thema erst gedämpft vorstellte und dann immer freier und offener bis in das Choralthema schallen ließ, gingen Steigleders öffnende Akkorde und der helle, strahlende Klang unmittelbar zu Herzen.

Eine Ciacona in e von Dieterich Buxtehude (BuxWV 160) stand einerseits für eine italienische Mode der (damaligen) Norddeutschen Orgelschule, gleichzeitig machte das Werk des späten 17. Jahrhunderts im Vergleich zu den vorangegangenen bereits einen verblüffend modernen Eindruck.

Die Wahl filigraner Farben und solistischer, kantabler Bläserregister führte Anna Scholl nach dem Wechsle auf das große Instrument fort und behielt sich die fast übermächtige Klangflut Gottfried Silbermanns für den Schluß vor. Zunächst sorgte Johann Sebastian Bachs Praeludium und Fuge d-Moll (BWV 539) für einen angemessenen Übergang. Die Stimmung der großen Orgel und das im Vergleich zur festlichen Fuge gedämpft klingende Praeludium milderten den »Sprung« zwischen den beiden Instrumenten und ließen ihn nicht zuerst in der Größe zu fühlen, sondern in den Klangfarben zu spüren.

Hatten anfangs schon die unbekannten Stücke bzw. Werke vergessener Komponisten ein hohes Entdeckerpotential bewiesen, setzte Georg Böhms Choralvorspiel »Vater unser im Himmelreich« diese Reihe fort. Böhm war freizügig mit der Melodie umgegangen, hatte sein Vorspiel vor allem licht werden lassen – mit Holzbläserregistern wie Flöten behielt es einen öffnenden Charakter.

Daß Dieterich Buxtehude durch persönliche Begegnungen mit italienischen Musikern und Literaturstudium mit einiger Musik südlich der Alpen sehr vertraut war, ist bekannt. Seine Canzona in C (BuxWV 166) war ein Beispiel für eine freie, variable, fast offene Form – scheinbar ohne Regelstrenge –, die ein fröhliches Liedthema aufgreift, die Stimmen zusammenfaßt und vereinigt. Natürlich gipfelt es in einer Fuge, die hier einen besonders lebendigen (springenden) Charakter erfuhr – man kann verstehen, daß Bach diesen Komponisten unbedingt treffen und bei ihm lernen wollte!

Mit Vater Bach erhielten Gattungen wie Praeludium und Fuge nach Buxtehude eine Überhöhung. Seine Passacaglia c-Moll (BWV 582), ohnehin ein Lieblingsstück beim Publikum, war somit ein naheliegender Abschluß.

5. Juni 2026, Wolfram Quellmalz

Kommende Woche spielt Frauenkirchenorganist Niklas Jahn in der Freiberger Abendmusik.

CD-Tip: Anna Scholl hat unter anderem zwei CDs der Reihe »Lieblingsstücke« eingespielt, Folge 6: Wilde-Schnitger-Orgel Lüdingworth, Werke von Franz Tunder, Samuel Scheidt, Johann Jakob Froberger, Matthias Weckmann, Heinrich Scheidemann, Giovanni Bassano, Dieterich Buxtehude und Johann Sebastian Bach, Folge 7: Klapmeyer-Orgel St. Nicolai Altenbruch, Werke von Scheidemann, Johann Ulrich Steigleder, Johann Sebastian Bach, Dieterich Buxtehude und Georg Böhm, erschienen bei Nomine

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