Zyklische Betrachtungen

Klavierabend von Seong-Jin Cho

Längst hat sich das Phänomen asiatischer Starpianisten über Lang Lang hinaus relativiert. Auf ihn und Yundi folgten nicht nur weitere höchst unterschiedliche Künstler wie Yuja Wang oder William Youn, mittlerweile hat sich (mindestens) eine weitere Generation junger Talente aus Fernost etabliert.

Dazu zählt der 2015 mit dem Ersten Preis beim Internationalen Chopin-Wettbewerb Warschau ausgezeichnete Seong-Jin Cho. Am Mittwoch folgte er der Einladung der Dresdner Musikfestspiele zu einem Klavierabend in den Kulturpalast. Sein Programm erwies sich als erlesen und durchdacht.

So hatte Seong-Jin Cho gerade in der ersten Konzerthälfte Stücke zusammengefaßt, in denen sich komplex unterschiedliche Welten von Charakterstudien offenbarten – ein jedes trug Einflüsse und Charaktere mannigfaltiger Couleur in sich und formte sie zum Kosmos eines kleinen Zyklus‘.

Seong-Jin Cho, Photo: Deutsche Grammophon, © Christoph Köstlin

Den Grundstein legte Seong-Jin Cho mit Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 1 in B-Dur (BWV 825), die er allein durch den Tastenanschlag artikulierte – der linke Fuß zuckte ab und zu parallel zur linken, einen Akkord auslösenden Hand, die Pedale indes berührte der Pianist kein einziges Mal! Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern steht für eine grundlegende Auffassung. Allein nach dem Grundsatz, Bachs Cembalo habe schließlich auch nicht über Pedale verfügt, kann man nicht verfahren, denn die Frage lautet: wie hätte Bach seine Werke auf einem modernen Flügel gespielt?

Einen Weg der Antwort beschritt Seong-Jin Cho, der Tempi zu einem grundlegenden Maß der Interpretation machte. Gemessen ließ er das Präludium vor allem in den Obertönen hell perlen, während der Baß tragend blieb, aber nicht prägend hervortrat. Die Allemande schien jeden Ton auszukosten – binnen kurzen waren die Zuhörer vom Alltagsstreß erlöst und in Bachs Klangwelt eingefangen! Sprudelnd, perlend, aber ohne »Überschlag« flanierte Seong-Jin Cho durch die Partita, stieß im vierten Satz, der Sarabande, eine Tür zur Empfindsamkeit auf, was bei Vater Bach an sich überrascht, jedoch in die Entstehungszeit paßt. Die Quicklebendigkeit der Menuette und der Gigue zeigte noch einmal, daß in der Übertragung vom Cembalo aufs Klavier der Charakter erhalten geblieben war.

Ob Arnold Schönberg dazu in krassem Kontrast stand? Was eine Anfangsthese sein könnte, erwies sich bald als sinniges Formenspiel, denn der Wiener Neutöner hatte mit seiner Suite für Klavier Opus 25 im Grunde wenig anderes gemacht als Johann Sebastian Bach. Seine Klangsprache ist natürlich moderner, emotionaler und – in Wien, der Wiege der Psychoanalyse entstanden – psychologisch differenzierter. Das Präludium löste bedrohliche, wilde Kumuluswolken aus, die Gavotte schien eigensinnig mit Vorschlägen aus dem Rhythmus zu drängen, die Musette flimmerte anfangs verführerisch, bevor sie den Zuhörer mit Abbruch und dynamischen Sprüngen überraschte – hier war nicht nur Pedaleinsatz, sondern ein gezieltes »Zutreten« gefragt. Die Fußfertigkeit ist bei Seong-Jin Cho jedoch ebenso sensibel wie die Fingerfertigkeit und dient der Artikulation. So kann auch der ungewohnte (ungeliebte?) Schönberg zu einer Offenbarung werden. Aus dem sachten Pendel des Menuett lösten sich im Trio Klangtropfen, schwollen zu Kaskaden.

In Sachen Deutung bietet Robert Schumann ein ebenso großes Interpretationsfeld. Der »Faschingsschwank aus Wien« bedurfte dennoch keiner grüblerischen Auslegung, stellte Emotion und Struktur erfrischend in Episoden gegenüber, die vom erzählerischen Duktus über einen mutwilligen Reigen bis in die Séparées eines vorübergehenden Rückzugs reichten. Hier verweilte die Romanze, das Scherzino befreite sich impulsiv aus dieser Ruhe.

Im zweiten Konzertteil schien Seong-Jin Cho eine ähnliche Programmidee zu verfolgen, doch die fünfzehn (!) Walzer Frédéric Chopins konnten die charakteristische Spannkraft nicht fortführen. Sie sind eben doch kein Zyklus und mangelnd innerer Bezüge. Trotz delikaten Vortrags stellte sich ein Best-of-Charakter ein, zudem war gerade den Grandes Valses brillantes der ausklingende Schluß zugunsten eines direkten, pausenlosen Übergangs genommen. Ärgerlich: von draußen, wo auf dem Altmarkt die Bühne für den Christopher Street Day aufgebaut wurde, drangen störende Geräusche herein. Unterschwellig, aber gerade wegen ihres wummernden Rhythmus‘ »gegen« Chopin, sehr irritierend! (Nebenbei: Sie müssen einen Höllenspektakel veranstaltet haben, sonst hätte man es im an sich lärmisolierten Konzertsaal gar nicht gehört. Nach 21:00 Uhr – für die Anwohner ringsum eine Zumutung!)

Der Begeisterung für den Interpreten tat dies glücklicherweise keinen Abbruch, und das Publikum forderte ihn zu einer Zugabe heraus, die Seong-Jin Cho noch einmal brillant mit einer Paraphrase »Soirée de Vienne« aus »Die Fledermaus« erwiderte – Johann Strauss Sohn im Arrangement von Alfred Grünfeld.

4. Juni 2026, Wolfram Quellmalz

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