Kammermusik und Liedgut im Konzertabend an der Musikhochschule Dresden
Heutzutage schaut man zweimal hin, wenn eine Hochschule »künstlerischer Exzellenz« ankündigt. Die »künstliche Intelligenz« liegt im Klang zu nah daneben und hat es schließlich auch schon auf diverse Bühnen geschafft. Am Montag ging es aber tatsächlich um außergewöhnliche Kompetenz, Erlerntes, Erfahrens und Erprobtes auf künstlerischem Gebiet.
In den Klassenabenden der Podien an Musikhochschulen kann man einen aktuellen Leistungsstand von Studenten der Klasse nachvollziehen. Dann treffen in jeweils einer Fachrichtung unterschiedliche Erfahrungs- und Ausbildungsstufen zusammen. Die höchste Exzellenz erwerben sich in der Regel jene, die nach Bachelor- und Masterabschluß ihrem Studium in einer Meisterklasse oder einem Meisterkurs noch eins »drauf« setzen. Prof. Neasa Ni Bhriain (Viola) und Prof. Annika Treutler (Klavier) brachten im Format »Künstlerischer Exzellenz« Studenten aus verschiedenen Ausbildungsrichtungen der Dresdner Musikhochschule an einem Abend mit Kammermusik und Liedgut zusammen.
Das Konzert trug somit wie der Ensemblewettbewerb am Jahresbeginn dazu bei, eine Lücke zu schließen und das gemeinsame Musizieren zu unterstützen statt nur auf das eigene Instrument oder die eigene Stimme konzentriert zu sein. So führte Pablo Hubertus (Violine) Ludwig van Beethovens Sonate für Violine und Klavier Nr. 8 (G-Dur Opus 30 Nr. 3) nicht mit einem Korrepetitor auf wie in seiner Klasse, sondern mit seinem Kommilitonen Yuta Tenkatsu (Klavier). Sie fanden verschiedene Reibungspunkte der beiden Stimmen, sowohl im Verlauf, als nach akzentbetontem Beginn extrovertierte und introvertierte Passagen wechselten, als auch im Verhältnis zueinander. Obwohl die Violine oft in der Melodieführung dominierte, beteiligte sich das Klavier ebenso daran oder untermalte mit lebendigem Puls die musikalische Erregung.
In der weitgefächerten Ausbildungszweigen der HfM Dresden finden sich – selbst wenn man nur die klassische und künstlerische Ausbildung herausnimmt – neben typischen Orchesterinstrumenten andere, wie die Gitarre. Ozan Coskun zeigte mit von »Palhaço« (Clown) von Egberto Gismonti, ursprünglich für ein Jazz-Quartett geschrieben, in einem eigenen Arrangement vor allem die zarten und feinfühligen Stimmen des Volksliedes. Das Lied »Haydar Haydar« von Ali Ekber Çiçek greift den Löwen (arabisch: Haydar) als Symbol für Liebe oder als Kraftquelle auf. Der eigenen Instrumentalfassung hatte Ozan Coskun eine improvisierende Einleitung vorangestellt, die sowohl zum Genre außerordentlich gut paßte wie sie dem Charakter des Stückes mit seinem freien Verlauf entsprach.
Eine völlig andere Klangwelt erschlossen Jou-I Chen (Violine) und Huiming Zhang (Klavier) in Francis Poulencs Sonate für Violine und Klavier Opus 119. Das Werk erinnerte früher schon mit seiner präzisen Klarheit, mit der es sich vom Stil des musikalischen Impressionismus löst, manchen an Mozart oder Scarlatti. Ein paar zeitgenössisch impressionistische Anklänge fanden Jou-I Chen und Huiming Zhang dennoch im zweiten Satz. Poulencs neue Klangwelt bzw. Klarheit unterstrichen sie hier und da mit einer »Kante«, die kurzen Melodiebögen wiederum wirkten ausgesprochen flexibel. Die Spannung in den langsamen Passagen war noch nicht immer so hoch wie im Abschluß des Presto tragico, dessen Nachhall das Publikum in die Pause entließ.
Die Konzertreife der meisten Studenten beeindruckte hinsichtlich der Gestaltungssicherheit sowie des Auftritts überhaupt. Wie von Łukasz Birdy, der mit Frédéric Chopins Andante spianato et grande polonaise brillante Es-Dur Opus 22 nicht nur kraftvoll, sondern ausdrucksstark und selbstbewußt Akzente setze. Kleine Rückungen und eine betont gehobene Hand im Moment des Innehaltens waren Teil eines spannenden Vortrages.

Von diesem Gipfel holte Hanna Park das Publikum in völlig andere Gefilde. Die Sopranistin, die in der Jahresproduktion der Opernklasse als Donna Anna (Mozart / »Don Giovanni«) zu erleben war [NMB berichteten: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/04/23/gerechte-strafe/%5D – erschloß mit Pianistin Wenwen Zhao die Welt von Alban Bergs »Sieben frühen Liedern«. Sie ließ die Melancholie in »Nacht« einfühlsam erwachen, aber auch die Träume von Nacht und Tag ineinander übergleiten (»Traumgekrönt«). Der »Liebesode« verliehen die beiden Interpretinnen einen Hauch sublimen Duftes.
Ahhyun Lee (Klavier), Reum Yeo (Violine) und Tsung-Han Peng (Cello) sorgten als klassisches Klaviertrio mit dem Allegro moderato aus Franz Schuberts Klaviertrio Nr. 1 (B-Dur, D 898) für einen harmonisch ausgewogenen Abschluß, der gerade in den Aufwärtsfiguren eine innige Verbundenheit zeigte. Zuvor hatten die drei mit »kaolin«, das Malin Bång für den ARD-Musikpreis 2023 geschrieben hat, bewiesen, wie mit präparierten Instrumenten moderne Klänge erzeugt werden können, die gläsern oder porzellanen die Welt des Kaolins (Grundmaterial für Porzellan) erkunden.
2. Juni 2026, Wolfram Quellmalz