Sommerliches Konzert mit Holger Gehring an der Silbermann-Orgel der Hofkirche
Auf den ersten Blick hätte man meinen können, Kreuzkirchenorganist Holger Gehring habe für sein Konzert im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ an der Silbermann-Orgel der Hofkirche (Kathedrale) lauter »alte« Stücke ausgewählt, die dort besser paßten als auf die moderne Jehmlich-Orgel der Kreuzkirche, doch erfahrene Orgelkonzertbesucher wissen, daß es in der Kreuzkirche genausogut »alt« klingen kann.
Die Idee war eine andere und brachte »Musik vom Dresdner Hof« (Konzerttitel) zusammen. Das führte nicht nur interessante Namen und Werke vor Ohren, sondern präsentierte auch eine fröhliche Festlichkeit – war der Dresdner Hof also ein gelassener, heiterer und aufgeschlossener? Die Musik jedenfalls ließ diesen Schluß zu.

Der Name Matthias Weckmann ist historisch mit vielen Orten und Personen verbunden. Der vielleicht wichtigste Schüler Heinrich Schütz‘ war später Organisten und Kirchenschreiber an der Jacobikirche Hamburg, zuvor Organist der Schloßkapelle in Dresden. Begonnen hatte seine Laufbahn als Kapellknabe in der Dresdner Hofkirche, wo am Mittwoch zu Beginn Matthias Weckmann Praeambulum Primi toni erklang. Mit kräftigen Stehtönen wirkte dies wie ein Weckruf, die anschließenden Fugenteile sorgten nicht nur für einen festlichen, sondern mit springenden Themen und knappen Pausen dazwischen für einen ausgesprochen vitalen Eindruck. Der belebende Gegensatz von hellen Oberstimmen und kräftig grundierendem Baß sollte noch einige Male wiederkehren.
Aber auch der Bezug zu Choralthemen zog sich wie ein zweiter roter Faden durch das Programm. Zunächst mit Weckmanns Choralbearbeitung in drei Versus über »Komm, Heiliger Geist, Herre Gott«. Öffnend und strahlend zunächst, trat im zweiten Versus die Choralstimme deutlicher solistisch heraus. Im Hell-Dunkel-Kontrast wuchs zudem ein froher, geradezu sonniger Charakter.
Hans Leo Haßler hatte 1608 das Amt des Kammerorganisten für Kurfürsten Christian II. von Sachsen übernommen. Darüber hinaus war er Komponist, Musiktheoretiker und – aus Nürnberg stammend – Musikautomatenbauer. Mit seiner Toccata quarti toni kehrte Holger Gehring zu den alten Kirchentonarten bzw. Modi zurück (Quarto tono = hypophrygisch, Grundton e). Der durchdringend positiven, jubelnden Toccata folgte Haßlers Canzona primi toni mit Flötenregistern, die gerade im unmittelbaren Vergleich nicht nur geschlossen klangen, sondern zart und intim wie ein Consort von Blockflöten. Allein vom Klang hätte man meinen können, menschliche Zungen würden das charakteristische Stakkato-Tupfen erzeugen und nicht die Apparatur einer Orgel!
Mit Christian Petzold wandte sich das Programm den weniger berühmten Namen zu. Gleichwohl hatte der Organist der Sophienkirche im frühen 18. Jahrhundert ebenfalls eine (heute verlorene) Silbermann-Orgel unter Händen und Füßen. Sein Concerto F-Dur zeugte von den italienischen Vorlieben des Sächsischen Hofes, für den Petzold als Kammerkomponist Werke schrieb. Helle, ausgesprochen verspielte und virtuose Elemente wechselten sich mit einem vom Grundton getragenen Adagio ab, dazu hatte Christian Petzold effektvoll Moll-Echos eingefügt – auch diese Entdeckung war weit mehr als nur Unterhaltungsmusik!
Der Entdeckercharakter blieb, mit Johann Gottlob Schneider (der Hoforganist spielte an der Sophien- und Kreuzkirche) gab es aber einen zeitlichen Sprung aus dem funkelnden (Früh)barock in die schimmernde Romantik. Mit dem Adagio aus Schneiders Elevation e-Moll, einer Musik zur Liturgie des Erhebens in der Eucharistie, erfolgte ein Wechsel in der Stimmung hin zu einem ruhigen, geschlossenen, fast sinfonischen Eindruck.
Zunächst »sprang« Holger Gehring aber noch einmal in die Barockzeit oder den Übergang zur Romantik, wobei Johann Adolph Hasses Concerto Nr. 4 D-Dur noch stark den barocken Formen frönte. Hasse war nicht nur mit der italienischen Mezzosopranistin Faustina Bordoni verheiratet, sondern hatte den italienischen Stil auch in seinen eigenen Werken zur künstlerischen Vollkommenheit gebracht. Ein wenig wie ein Sommerkonzert der Vivaldi-Nachblüte wirkte es in dieser Ballung durchaus.
Für das Ende blieben noch zwei Überraschungen und eine Neueröffnung: Johann Gottlob Schneiders Choralbearbeitung »Es ist das Heil uns kommen her« sowie das Dank- und Jubelpräludium »Nun danket alle Gott«, bei dem sich das Choralthema gegen Ende aus dem geschlossen sinfonischen Klang heraushob und deutlich zu erkennen gab.
16. Juli 2026, Wolfram Quellmalz