Stimmhafter Auftakt

Britisches Gesangsensemble beim Sommer der Alten Musik in Prag

»Letní slavnosti staré hudby« (Sommerfeste der Alten Musik) heißt es jetzt wieder und noch bis 5. August in Prag. In sieben Konzerten kommen bekannte Gastensembles und solche, die es zu entdecken gibt, bis im Abschlußkonzert das Collegium Marianum, das die Reihe ausrichtet, selbst noch einmal aufspielt. Diesmal werden sie in der Sankt-Simon-und-Judas-Kirche (Kostel svatého Šimona a Judy) Werke von Purcell, Bach, Händel und Telemann präsentieren. Auch das Ensemble Polyharmonique war hier schon zu erleben, in diesem Jahr überwiegen aber die Gelegenheiten für Neuentdeckungen.

Am Donnerstag kam das britische Gesangsensemble Stile Antico zum ersten Mal nach Prag. Die Klosterkirche St. Maria bei den Slawen (Kostel Panny Marie na Slovanech) des Emmausklosters (Emauzský klášter) gehört zu den stets ausgesprochen reizvollen Konzertorten in den verschiedenen Stadtteilen. Stile Antico hatten für den Raum ein hundert Prozent sakrales Programm mit sehr alten Chorwerken und gregorianischen Chorälen zu »Legendae sanctorum« (Heiligenlegenden) zusammengestellt, also Renaissance und deren inspirierende Vorgänger und Auslöser.

Nicht nur a cappella, sondern einhundert Prozent Stimme: Stile Antico im Kostel Panny Marie na Slovanech, Photo: LSSH, © Petra Hajska

Mit gerade einmal achtzig Minuten (keine Pause) war das Konzert nicht lang, aber sehr auf den Inhalt ausgerichtet und mit der darin verankerten hohen Konzentration, Kontemplation und Andacht genau richtig »dosiert«. Da war es im Grunde schade, daß auch in Prag die Manie Einzug gehalten hat, nach jedem Stück, und das möglichst sofort, heftig zu applaudieren – verdient war der Applaus allemal, aber nach manchem Werk, wie Jerónimo de Alisedas Beatus Franciscus, hätte man sich die Stille des Ausklangs gewünscht.

Stile Antico gehören zu jenen Ensembles, die ein sehr variables Erscheinungsbild haben: Einerseits gibt es keine ausgesprochenen Solisten, andererseits traten die Stimmen zwölf Sängerinnen und Sänger in der phantastischen Polyphonie von Giovanni Pierluigi da Palestrina, Gregorio Allegri oder Tomás Luis de Victoria teils vollkommen individuell hervor. Dabei sind Männer und Frauen wirklich einmal ausgewogen – fast schon ungewöhnlich heute, daß darunter kein Altus zu finden war.

Auch sonst war die Aufteilung nicht auffällig oder auf den Effekt zielend – meist standen die Sänger abwechselnd oder in Stimmen paarweise, dafür hatten sie untereinander viel Blickkontakt – wohl ein Schlüssel für den zutiefst innigen Eindruck, der ohne einen Dirigenten oder erkennbaren Primus inter pares entstand.

Die Kraft, ja Wucht der ausgezirkelten Polyphonie hat selbst heute noch für erfahrene Ohren oder auf mit (vermeintlich) jedem bekannten und vertrauten Kritiker eine umwerfende Wirkung – wie mag es in der Entstehungszeit, als dies neu war, gewesen sein, wie haben es Heinrich Schütz oder Constantin Huygens in Venedig erlebt?!

Der Wechsel zwischen der Vielzahl der Stimmen, die sich einmal gegenseitig durchdrangen, dann aber miteinander verflochten und einen schwebenden, wogenden Eindruck schufen, war allein schon betörend. Dabei konnte Stile Antico seine Ausdruckskraft immer noch steigern. Manchmal, wie in Tomás Luis de Victorias O quam gloriosum, wuchs das ins schier unglaubliche – vielleicht etwas zu stark, überwältigend.

Die großartigste Wirkung hatten überwiegend langsame, ruhige Titel. Neben de Aliseda Beatus Franciscus gehörte vor allem Virgo sancta Katherina von Nicolas Gombert dazu. Aber auch ein vertrauter Name – bei William Byrds »Justorum animae« wunderte die Übersteigerung der Andacht wohl kaum jemand.

Konzentration, Klang und Shcönheit: Stile Antico, Photo: LSSH, © Petra Hajska

Daß die insgesamt hohe Konzentration nicht in eine Situation der Überspannung fiel, lag nicht zuletzt daran, daß Stile Antico im Programm Momente der Entspannung festgeschrieben hatte – »abwechslungsreich« war themenbedingt schließlich nicht möglich. So blieb es reizvoll bis in vier gregorianische Choräle, die vom Baßtrio bis zu gemischten Frauenstimmen viermal unterschiedlich präsentiert wurden.

Abschließen durfte den Abend Gregorio Allegris legendäres Miserere mei – einst lagen die Noten im Vatikan verwahrt, Mozart soll sie nach dem Anhören in der Karwoche 1770 notiert haben. Als Zugabe fügte das Ensemble Giaches de Werts »Gaudete in Domino« an.

17. Juli 2026, Wolfram Quellmalz

Auch das nächste Konzert wird legendär: Claudio Monteverdi »L’Orfeo«, Ensemble Scherzi Musicali (20. Juli), noch bis 5. August: »Letní slavnosti staré hudby« Prag

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