Viele Spielarten der Liebe

Drittes Konzert der alten Musik im Kunstgewebemuseum

Das Kunstgewerbemuseum muß ausgerechnet im 150. Jahr seines Bestehens wegen baulicher Maßnahmen im Pillnitzer Schloß geschlossen bleiben – durch seine Alte-Musik-Reihe im malerischen Bergpalais bleibt es weithin wahrnehmbar. Im Jubiläumsjahrgang gibt es sogar deren fünf Konzerte, im dritten folgten am Sonnabend Juliane Laake (Gamben) und Maximilian Ehrhardt (Barockharfe) den Leidenschaften der Viola.

Viola appassionata – so der Konzerttitel – offenbarte mit Musik vor allem des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts die speziellen Spielarten der Viola da Gamba in Diskant- und in Baßgröße. Überwiegend handelte es sich um Bearbeitung von Madrigalen, also ursprünglich gesungenen Texten, deren Inhalt oder Bedeutung in der instrumentalen Auffassung jedoch erhalten geblieben war. »Qual è più grand‘ o amore« hatte Girolamo Dalla Casa die alles überragende Größe der Liebe hinterfragt, bei dem Juliane Laake auf der Baßgambe zwei Stimmlagen in den Dialog treten ließ, während die Barockharfe bereits hier die Vielseitigkeit ihrer Begleitung mit Betonungsimpulsen bewies – Leidenschaft reicht eben bis in die Haar- und Fingerspitzen und erlaubt offenbar kein seichtes Nebenbei zur Singstimme! Eine, wie Juliana Laake treffend formulierte, vom Komponisten geradezu plastische Darstellung der Gefühle.

Schloß Pillnitz im Hochsommer, Photo: NMB

Davon gab auch Diego Ortiz‘ »O felici occhi miei« (Oh meine glücklichen Augen) zu kosten, dessen Leidenschaft, nun auf der Diskantgambe präsentiert, noch einmal in der Erregung gesteigert war. Wie gut, daß Juliana Laake und Maximilian Ehrhardt ein paar Titel zur Beruhigung eingestreut hatten. Manche, wie Andrea Falconieris Canzone la suave melodia (daraus: Corrente) hatten einen hohen Wiedererkennungswert. Auch in der Canzona seconda von Girolamo Frescobaldi galt die Mehrstimmigkeit: nicht Melodie und Begleitung, sondern in gegenseitiger Durchdringung tauschen Viola da Gamba und Harfe ihre Argumente aus, nicht einem leichten Verlauf folgend, sondern immer wieder von Impulsen getrieben oder durchbrochen. Die Führung wechselte dabei munter – manchmal war das Perlen der Harfe im Vordergrund, manchmal die durchdringende Kantabilität des Streichinstruments. Mag die Gambe die größere Sängerin sein – argumentieren konnten beide!

»Leidenschaft« hieß aber keineswegs nur ein Überschießen der Gefühle. Schon in dieser Alten oder frühen Musik galten Verfeinerung und Sensibilität wie ein zarter Ausklang. Diego Ortiz‘ Recercada seconda war ein Beispiel, bei dem sich hervortretende Stimmen und leises Schmeicheln ergänzen.

Die Liebe blieb dennoch bestimmendes Thema. Dafür standen Riccardo Rognoni »Ancor che col partire« über das Verlassen oder später Giovanni Maria Trabaci »Aneidetemi pur«, einem Stück für Harfe solo, das vom »unerhörten Feuer« berichtete und eine ungeheure Eindringlichkeit entwickelte. Eine durchdringende Klarheit, dennoch nicht »nüchtern«, hatte zuvor Sylvestro Ganassis Recercada seconda geprägt.

Die Leidenschaften hatte Adam Jarzebsky in eine Cantate Domino gehüllt, die jedoch mit schlagenden Tönen und einem ausgeprägten Gegenüber der Stimmen viel Kontrast bewahrte. Die Beruhigung spendierte diesmal Girolamo Frescobaldi mit einem munteren Frühlingslied (»Se l’aura spira«), in dem sich Harfe und Gambe harmonisch umschlangen, bevor eine Brando dicho El Melo noch einmal Andrea Falconieris Lesart einer traditionellen Musikgattung zeigte. Neben den vertieften, aufgewühlten oder leichten Leidenschaften offenbarten die Stücke oft eine enorme Virtuosität, und sei es im lockenden Kleid eines Spielmannstückes wie bei Falconieri.

Maximilian Ehrhardt und Juliane Laake im Bergpalais, Photo: NMB

Nicht immer sind Leidenschaften jedoch glücklich, berechtigt oder angebracht. Der Prophet Daniel berichtet von den höchst unpassenden Gelüsten zweier Beobachter auf Susanna im Bade. Die Erzählung fand früh Eingang in die Musik, wofür Giovanni Bassano (»Susanne ung jour«) und Adam Jarzebsky (»Susanna videns«) als Beispiele standen. Maximilian Ehrhardt konnte hier seine Harfe neben der Singstimme der Gambe als Erzählerin nebst Kadenz noch einmal hervortreten lassen.

Der Ausklang gelang dennoch unbeschwert und – vital. Eine Ciacona von Giovanni Battista Vitali als Zugabe beschloß die Stunde der Alten Musik.

12. Juli 2026, Wolfram Quellmalz

Im nächsten Konzert der Reihe gibt es am 29. August einen großen Wettstreit der beiden Cembali von Gräbner und Silbermann mit Jan Katzschke und Peter Waldner.

https://www.julianelaake.de/konzerttermine-2026/

Das Programm »Viola appassionata« haben Juliane Laake und Maximilian Ehrhardt auch auf CD festgehalten. Italienische Virtuosenmusik, erschienen bei Querstand

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