Auftakt mit neuen Tönen

Erster regulärer Einsatz des Kreuzchores im neuen Schuljahr

Manchmal muß (darf) man, nicht notgedrungen, sondern wegen vieler guter Möglichkeiten, Musiktermine verschieben, ins zweite Konzert gehen oder in den Gottesdienst der Kreuzkirche statt in die Kreuzvesper. Das kann – abgesehen von seinem eigentlichen Anlaß – gerade beim Kreuzchor lohnen, erlebt man ihn doch dann auf der Chorempore, was in vielen Fällen musikalisch noch effektvoller ist, auch wenn man die Knaben freilich nicht sieht. Zumindest die meisten nicht, denn ein Teilchor bzw. die Kurrende mit Kerzenträgern, steht sonntags dennoch im Altarraum.

Organist Manuel Rotter hatte für den Einzug eine festliche Sinfonia Johann Sebastian Bachs ausgewählt. Die Kantate BWV 29 »Wir danken dir, Gott, wir danken dir« war jedoch nicht für ein Jubelfest gedacht, sondern lenkte zur Leipziger Ratswahl 1731 das Augenmerk vor allem auf den Dank. Die Festlichkeit lag also in einer Zuversicht auf die Zukunft (nach der Wahl).

Was auf diesen Beginn folgte, schien bereits wie eine Belohnung oder Himmelsmusik. Der Komponist Reiko Füting hat in Dresden studiert, lebt und lehrt heute in Amerika. Seine Musik ist Dresdnern unter anderem durch Ensembles wie AuditivVokal oder den Dresdner Kammerchor bekannt. Für dieses Schuljahr hat er fünf Introitus zu bestimmten Sonntagen geschrieben bzw. schreibt sie noch. Den ersten hatte der Kreuzchor bereits am Wochenende im Programm (Uraufführung). Psalm mit Gloria Patri beinhaltet Texte aus Matthäus 5, 7 sowie Psalm 112 und schien, mit dem von der Chorempore klingenden »Selig«, in den Raum einzuschweben. Die Kurrende im Altarraum nahm den Faden des Gesangstextes auf, so daß sich das ätherische »selig« immer mehr verstärkte und die betonte »Barmherzigkeit« im Text zum Fixpunkt wuchs. Der stehende Klang mischte sich mit Wortbedeutungen in einer Musik, die in verschiedenen Ebenen stattfand, sich aber innig mischte – so berührend kann Gegenwartsmusik sein!!!

Reiko Füting ist neuer Residenzkomponist des Dresdner Kreuzchores, Photo: © Hojoon Kim

Die Barmherzigkeit und das Teilen blieb auch im Wort Thema (Predigt: Superintendent Christian Behr). Annegret Mühl, kirchliche Beauftragte für Migration und Integration, erinnerte an den Beginn des Kirchenasyls in Deutschland 1983 und an eigenes Erleben in der Gemeinde.

Zwar ist das musikalische Programm der Gottesdienste oft etwas kleiner als in den Vespern, jedoch nicht weniger reich. Manuel Rotter führte vom Gemeindelied (EG 412) direkt zu Max Regers Morgengesang über, in dessen Strophen der Kreuzchor den Sonnenaufgang, also das zunehmende Licht, mit einem stimmlichen Leuchten darstellte. Kreuzkantor Martin Lehmann differenzierte dabei sowohl die Hellegrade wie die Dynamik – bloße Zunahme bzw. Ansteigen allein wäre nicht nur zu steil, sondern auch eintönig geraten.

Das helle Sommerlicht durfte noch einmal im Gemeindelied »Geh aus, mein Herz, und suche Freud« (EG 503) scheinen, bevor mit Józef Swiders Motette Cantus gloriosus (aus »Quattro pezzi per coro misto«) erneut das differenzierte Anwachsen (diesmal auf »Alleluja«) erst in Stufen den Text unterstrich, aber im »Laudate Dominum« (Lobet den Herrn) auch eine musikalische Besinnung fand. Die Wortverständlichkeit und Auslegung der Mehrstimmigkeit ist kurz nach Schuljahresbeginn und der damit verbundenen Neuordnung des Kreuzchores, wenn die Abiturienten den Chor verlassen haben, ein neuer Männerchor nachrückt und neue Kruzianer aufgenommen werden (feierliche Begrüßung in der Vesper), bereits bestechend.

So festlich der Beginn war, so ließ es auch der Schluß nicht an positiver Kraft missen: Manuel Rotter hatte für das Orgelnachspiel Jehan Alains »Litanies« ausgewählt, das mit seinem anfangs hymnischen Charakter und einer grellen Steigerung durchaus kraftspenden wirkt – der Komponist selbst sprach sogar von der Wirkung eines Tornados, der hier allerdings nichts zerstören, sondern Widerstände hinwegfegen soll.

31. August 2026, Wolfram Quellmalz

Am kommenden Sonnabend gestaltet der Dresdner Motettenchor die Kreuzvesper (Leitung: Matthias Jung). Auf seinem Programm stehen Werke von Antonio Scandello, Thomas Weelkes, Knut Nystedt, Rudolf Mauersberger, Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach und Albert Becker. Orgel: Thomas Lennartz (Dieterich Buxtehude: Praeludium g-Moll BuxWV 149), Liturg: Superintendent Christian Behr

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