Daniele Gatti setzt Zyklus mit der Sächsischen Staatskapelle fort
Mit dem Spielzeitbeginn setzt Daniele Gatti als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden seinen Mahler-Zyklus fort und schließt da an, wo er im Dezember krankheitsbedingt abbrechen mußte – vorübergehend. Denn die damals einspringende Marie Jacquot konnte Mahler natürlich nicht übernehmen. Jetzt sind mit der sechsten Sinfonie etwa zwei Drittel der Gesamtaufnahme eingefangen.

Kann man die ersten Sinfonien Gustav Mahlers noch zusammenfassen, stehen ab der fünften die Werke solitär im Raum, teilweise unfaßbar, wie die sechste, bei der sich kaum sagen läßt, ob das Schicksal überwiegt oder es dem Komponisten gelungen war, dasselbe zu überwinden – es lassen sich für beide Wege oder Seiten Indizien finden. Doch wesentlicher, als derartige Beweismittel abzuzählen, ist wohl das Ringen, die Suche nach einem (Aus)weg. Vielleicht wird das in keiner Sinfonie Mahlers so deutlich wie in der sechsten. Selbst der Schicksalsschlag, mit einem überdimensionalen Holzhammer instrumentiert, gab keine eindeutige Antwort. Für die Gastspielreise durch Europa bietet die Staatskapelle dem Publikum außer Mahler noch ein faßbareres Beethoven-Brahms-Programm.
Am Montag schien sich Daniele Gatti selbst wieder auf eine Suche zu begeben. Vor allem zu Beginn war ein Ringen eher zu spüren als ein forsches »aufs Ziel zu«. Da war der Chefdirigent nach dem ersten Satz ein wenig geschafft – ein »Indiz« für seine Ernsthaftigkeit des Suchens? Manchmal wäre ein forscheres Voranschreiten wünschenswert gewesen, um die Kräfte zu bündeln – in den überlangen Pausen zwischen den Sätzen ließ die Spannung nach.

Dabei bot dieser Mahler viele ungewöhnliche Lösungs- oder Überwindungsansätze, etwa darin, wie er Satzanfänge und -enden formuliert. Seinen ersten läßt er nicht entstehen oder einschweben, sondern formt ihn sogleich rhythmisch kontrastreich. Daniele Gatti fing die Ambivalenz des marschähnlichen in seiner Mehrdeutigkeit ein. Später durfte der Satz lauthals und trotzig enden, der zweite dagegen wurde allmählich bis zum Stillstand abgebremst. Schier endlos warf Mahler dagegen die Schlußansätze des Finales um. Dort bewegte sich vieles »zwischen den Stühlen«, zwischen Klang und Rhythmus, was die Sächsische Staatskapelle aber transparent darstellte. Gerade für das trotzige Aufbäumen fand sie glaubhaft zwiespältige Farben, auch mutige an der Grenze zum Greinen, Schreien, Weinen.
Trotzdem fehlte zunächst eine Geschlossenheit der Lesart oder ein überirdisches Element der Überhöhung. Im dritten Satz aber blühte Daniele Gatti auf, als würden ihm die nun luftigen Bestandteile der Sinfonie Inspiration zufächeln und sie beleben. In der Folge gelang der beinahe unübersichtliche vierte Satz am besten. Waren zuvor schon die Soli von Oboe (Bernd Schober), Horn (Zoltán Mácsai) oder Konzertmeister Matthias Wollong fein austariert, die gewachsenen Holzbläsergruppen (Flöten, Oboen und Klarinetten zu fünft und zu viert) klar in ihrer Durchdringung, sorgten bei aller Übergröße manche luzide Klänge für Lichtreflexe, wie von der Celesta. Die beiden Harfen traten erst in den letzten beiden Sätzen hervor.

Die Orchesteraufstellung überraschte generell: Harfen ganz links vor dem Seitenvorhang – waren sie da wirklich gut zu hören? Zudem ließ Daniele Gatti trotz 111 gezählten Musikern im mittleren Konzertzimmer spielen statt im größten, das sich in der Vergangenheit bei deutlich kleinerer Besetzung (Schumann) mehrfach als akustisch glücklicher erwiesen hatte. Oder war dies ein Zugeständnis an die Kompaktheit der Aufnahme?
Das Finale ließ Daniele Gatti immer prächtiger wachsen, behielt den differenzierten Blick bei. Die Leuchtkraft der Blechbläser wurde nicht übermächtig, dafür betörte das Tuba-Solo von Constantin Hartwig – keine chromatische Randbemerkung der Blechbläser als Farbnuance, sondern ein göttliches Lied!

Manchmal sind offene Fragen berechtigt, regen an. So wie man (heutzutage) bei Haydn auf den Paukenschlag wartet, spitzte sich die Erwartung im letzten Satz auf den Schicksalsschlag des Holzhammers zu. Zunächst schien er zaghaft, kaum mehr als ein normales Schlagwerk, aber vielleicht war gerade dies Absicht, sozusagen als drastischer Kontrast, eine Vorwarnung des Schicksals? Der zweite Schlag »saß« in jedem Fall.
1. September 2026, Wolfram Quellmalz
Am Sonntag legt der Tonkünstlerverein mit dem ersten Kammerabend er Saison (Mozart, Mendelssohn, Rossini und Milhaud) nach.