»Siegfried« und »Götterdämmerung«
(Der Artikel erscheint wegen der vorrangigen Berichterstattung für die Tageszeitung verspätet)
Der Anfang war gemacht – nach »Rheingold« und »Walküre« [NMB berichteten] hatten sich die Besucher im wesentlichen mit der KI-Bebilderung des aktuellen Bayreuther »Ring des Nibelungen« abgefunden. Freilich ist es etwas anderes, die Lesart eines Regisseurs zu verstehen (incl. des Falls, sie abzulehnen) als – wie hier – einen Adaptionsprozeß zu durchlaufen. Wenn der Besucher zum Konsumenten wird, der sich nach den Eigenheiten des Produkts richten muß (um es zu verstehen) – ist das noch gut?
So konzentrierte sich das Erleben meist auf die Stimmung, die per KI-Bilder erzeugt wurde. Ab und zu äußerte sich noch der Unmut des Publikums im weiteren Verlauf, etwa nach dem Schluß von »Siegfried«. Als Siegfried und Brünnhilde sich als Liebespaar gefunden haben, werden zwei knutschende Paare vor plüschig rosarotem Hintergrund eingeblendet, als sei dies ein TikTok-Video, und nicht das Bayreuther Festspielhaus, da wurde noch einmal gebuht. So wie am Ende, als sich Kurator Marcus Lobbes noch einmal auf die Bühne traute.

Dabei wäre so viel mehr möglich gewesen, wenn man die KI als Werkzeug verstanden hätte wie den Pinsel des Kulissenmalers oder die Nähmaschine in der Kostümschneiderei! So ließen sich im Bildkonzept durchaus gute Ansätze erkennen: Jeder Aufzug begann im historischen Bild (Malerei der der jeweiligen Bühnenbildvorlage), vor der die Sänger standen, auch das Bild verharrte Momente lang, bis der unaufhaltsame Prozeß des Wandelns und Umformens begann. Dabei »streute« die KI oft zu wild, ohne wirklich zu assoziieren oder historische Kontexte zu kennen. Personen wie Hitler, Boris Jelzin oder Günter Grass wurden erst sicht-, dann unsichtbar. Oft verschwammen die Gesichtszüge schneller, als daß man jeden identifizieren geschweige denn verstehen konnte, was der Bezug in dieser Szene sein sollte. Die KI-Wandlung, statische Bilder in Bewegung zu versetzen oder durch Auflösung von Konturen und Strukturen ineinander überzuführen, konnte beim ersten erleben erstaunen, im einzelnen vielleicht verblüffen, in der Überfülle wuchs sie – nicht dem eigentlichen Geschehen zugeordnet – zum Verdruß.
Der Rest ist Geschichte – sofern man über die Grenzen von KI gelernt hat. Daß es besser geht, dafür gibt es bereits Beispiele, insofern ist Bayreuth durchaus nicht in allem »Vorreiter«. Der Südafrikanische Regisseur Kobie van Rensburg arbeitet seit Jahren in seinen Inszenierungen mit Projektionen und virtueller Realität. Dabei ist es ihm gelungen, die Theatersicht zu bewahren statt die neuesten technischen Errungenschaften vorzuführen. In seinen jüngsten Produktionen (Mozarts »Idomeneo«, Theater Ulm, Händels »Tamerlano«, Händelfestspiele Karlsruhe), verwendet er eine KI zur visuellen Gestaltung, um zum Beispiel mit barocken Illustrationen die Kulissendekoration zu ergänzen.

Die sängerische Qualität des Bayreuther »Rings« war schier überwältigend. Dazu hatten Elza van den Heever (Sieglinde) und Klaus Florian Vogt (Siegmund), deren Piano schon in der »Walküre« betörend ausgefallen war, wesentlich beigetragen. Camilla Nylund steigerte dieses musikalische Liebesbegehren (Brünnhilde) noch einmal wesentlich, nun mit Klaus Florian Vogt als Siegfried.
Mehrfachbesetzungen gab es in diesem Jahr so viele wie selten. Neben Vogt war Wotan Michel Volle außerdem als Wanderer zu erleben, Mika Kares gelang das Kunststück, zwischen Hunding und dem verschlagen-düsteren Hagen gekonnt zu differenzieren – klar, daß der bereits etwas im Schilde führte, als der heimtückische Alberich (wie in Marek Janowskis »Ring« mit der Dresdner Philharmonie Jochen Schmeckenbecher) ihn dreimal fragt »schläfst du?«.

Die Besetzung glänzte bis in die kleinsten Rollen – neben Peter Rose (Fafner), Christa Mayer (Erda und Waltraude), Michael Kupfer-Radecky (Gunther) und Victoria Randem als Waldvogel kehrten die verführerisch neckenden Rheintöchter (Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold) wieder, die Nornen wurden von Anna Kissjudit, Alexandra Ionis und Magdalena Hinterdobler verkörperte.
Eindrucksvoll – und nun auch im Bühnenbild, weil dahinter versteckt, agierte der Chor (Leitung: Thomas Eitler-de Lint), der nur am letzten Abend zu hören war. Als er seinen Applaus »abholte« (wie später das Bayreuther Festspielorchester, das Christian Thielemann auf die Bühne schickte), sah man dort einmal, daß da nichts war – eine gähnend leere weiße Projektionsfläche, allerdings mit geschlossenen Wänden statt der sonst herrschenden offenen Seiten und Decke.

Irritierend waren die ununterscheidbaren Federkostüme der Sänger, die ohne Licht und Projektion eher an in den Schmutz gefallene Krähen erinnerten. Wobei man fairerweise sagen muß, daß die Kostüme nicht für diesen Augenblick gemacht waren und in der Szene silbern, golden oder in jeder Farbe leuchten konnten. Die Ununterscheidbarkeit war dennoch ebensowenig nachvollziehbar wie der Umstand, daß zum Beispiel Klaus Florian Vogt seine drei Rollen in ein und derselben Kluft spielte.
Fazit: KI kann wunderbar kombinieren und neu zusammenstellen; denken, fühlen oder erinnern kann sie nicht, also bietet sie auch keinen Assoziationsraum. Den müßte ein Regisseur erstellen – gerne mit KI. In der Götterdämmerung gab es daher ein mehrfaches Aufatmen, als sich zu den Verwandlungsmusiken und – noch wichtiger – zu Siegfrieds Rheinfahrt der Vorhang schloß, die Musik unter Christian Thielemanns magischer Leitung ihren frontalen Sog entwickeln durfte.

Das Urteil im Festspielhaus blieb unterschiedlich, wenn auch mehrheitlich gegen die KI-Lösung: »Da weiß man auch, wie schön und gut der Schwarz-Ring war« (gemeint war Valentin Schwarz letzte Ring-Inszenierung 2022). Die Stimmung blieb davon letztlich unbeeinträchtigt. »Viva la musica!« freute sich ein Besucher, ein anderer meinte, »Allein Michael Volle hat die Anreise gelohnt«. Zustimmung und Ablehnung waren dabei keineswegs generationsabhängig. Wie sagte eine ältere Dame im Foyer? »Ich glaube, das wird noch etwas, ich bin froh, daß ich da bin.«
17. August 2026, Wolfram Quellmalz