Auftrittsarien im Ensemble und Szenen auf dem Kopf

Letztes Opernpodium vor der Sommerpause

Am Dienstag fand das letzte Opernpodium der Dresdner Musikhochschule vor den Semesterferien statt. Diesmal gestalteten es Studenten des 3. Studienjahres Gesang unter der Leitung von Prof. Matthias Oldag.

Auch diesmal gab es ein Besonderheit, denn wiewohl fast ausschließlich (Auftritts)arien auf dem Programm standen, gab es meist einen stummen Partner für die Darstellung auf der Bühne, manchmal sogar mehr, denn als Ferenc Sipos zu Beginn Jacopo Fiescos »Il lacerato spirito« (Prolog aus Verdis »Simone Boccanegra«) bot, wurde er von seinen Kommilitonen umringt, die erst zuhörten, dann ins Gebet zu fallen schienen (Fiescos Tochter Maria ist gestorben, das Enkelkind, das er von Simon Boccanegra fordert, gilt als verschwunden).

Die schwere »Kost« wurde später milder, zunächst beklagte Erika (Marlene Mieth in Samuel Barbers »Vanessa«) aber, daß der Winter so früh begänne und es immerfort schneien würde – Barbers Innenweltdrama Ist ungemein faszinierend, aber auch bedrückend. Die eisige Kälte fing Marlene Mieth mit »Sparringspartnerin« Paula Mürb als szenisch stumme Vanessa ausgezeichnet ein.

Von hier gab es schließlich (inhaltlich) Aufwind, zunächst mit Luisa Scholz als Marcelline in »Oh wär‘ ich schon …« aus Ludwig van Beethovens »Fidelio« mit Szenenpartner Kota Katsuyama. Dort stand die Befreiung noch bevor, Sesto zog in Georg Friedrich Händels »Giulio Cesare in Egitto« los, um den Tod des Vaters zu rächen. Clara Bergert schlüpfte hier einmal in eine kriegerische Hosenrolle mit Katharina Mühlbauer (als Mutter) an ihrer Seite.

Mögen die Podien klein und die Szenen kurz ausfallen – neben dem Gesang gibt es beständig eine Interaktion, sei es mit Kleidern, Türen oder Fenstern. Mozart kam gleich mehrfach in Genuß: Während Kota Katsuyama nun endlich singen durfte und die Bildnisarie des Tamino hingebungsvoll aufs Parkett »legte«, suchten ihn Clara Bergert, Katharina Mühlbauer und Marlen Mieth (als die Drei Damen) mit Vermeers »Dienstmagd mit dem Milchkrug« zu verwirren – ein Blick sozusagen hinter die Kulissen des Podiums, in dem man sich Freiheiten nehmen und Süaß haben kann, was in einer realen Inszenierung vielleicht nicht paßte, aber für einen Impuls sorgen kann – kein unerwünschter Lerneffekt.

Insofern hielten sich Marianne Mieth als Cherubino und Katharina Mühlbauer als Susanna an Mozarts und Da Pontes Vorgaben (Liebesgeständnis Cherubinos »Non so più cosa son, cosa faccio«). Frecher, freier gingen Katharina Mühlbauer (Ännchen) und Paula Mürb (Agathe) mit Carl Maria von Webers »Freischütz« um. Denn eigentlich steigert Ännchen ihre Arie »Einst träumte meiner seel’gen Base« bis zur Schlußpointe, die ihr diesmal aber die sichtlich genervte Agathe stahl und das darin enthaltene Rätsel (wer nun das Gespenst sei) selbst vorwegnahm – und auch der kurz angesungene »Jungfernkranz« war ein wenig (gewollt) übertrieben.

Das Opernpodium vom Dienstag, Photo: NMB

Oper darf also Spaß machen, hatte Matthias Oldag den Studentinnen und Studenten vermittelt, was sicher Holger Miersch (kurzfristig als Korrepetitor eingesprungen) einbezog. Trotz krankheitsbedingter Kürzung gab es von Barock über Spieloper bis zum Verismo einiges zu erleben, wie auch die schwungvolle Serenata di Ariecchino von Beppo (Kota Katsuyama), Colombina (Luisa Scholz) und Canio (Ferenc Sipos) aus Ruggerio Leoncavallos »I Pagliacci«.

Susanne Knapp (Mitte), Leiterin der Opernklasse der HfM, verabschiedete Matthias Oldag (links), der das dritte Studienjahr in den letzten Jahren betreut hat, nach dem Podium, Photo: NMB

Nach einem letzten heiteren Versteckspiel (Paula Mürb als Frau Fluth in Otto Nicolais »Die lustigen Weiber von Windsor«) ging es noch einmal in unbekanntere Gefilde: Luisa Scholz tauchte mit »J’ai deux amants« (Lied der Elle aus André Messagers »L’amour toujour«) sehr geschmeidig in die französische Sphäre doppelter und verwickelter Liebschaften ein, bevor Clara Bergert mit Maddys »Daybreak« aus Jake Heggies Kammeroper »Three Decembers« noch einmal die Gengregrenzen überschritt und sich Show und Musical näherte (»Dead man walking« des Komponisten wurde vor einigen Jahren in Dresden als Deutsche Erstaufführung an der Semperoper gezeigt).

15. Juli 2026, Wolfram Quellmalz

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