Alexander Malofeev und Lahav Shani mit dem Rotterdams Philharmonisch Orkest bei den Dresdner Musikfestspielen
Zumindest vor dem Konzert war die abwesende Pianistin noch Gesprächsthema Nr. 1, denn viele hatten sich ursprünglich die Karten wegen Martha Argerich gekauft. Die Kombination Argerich / Rotterdams / Shani wäre der klassische Höhepunkt im diesjährigen Kalender der Dresdner Musikfestspiele (DMF) gewesen. Doch dann sagte die Argerich ab, den Ersatz, Alexander Malofeev, kannten zuvor eher wenige. Das hat sich mit dem Konzert am Dienstag im Kulturpalast jedoch geändert.
Als Einstieg hatte Lahav Shani die Ouvertüre »Cyrano de Bergerac« von Johan Wagenaar aufs Programm gesetzt. Ein niederländisches Mitbringsel? Wohl viel mehr. Denn mit einer Viertelstunde ist es größer als ein »Häppchen« und fing die Zuhörer mit einem Strauss’schen Auftakt ein, von dem ausgehend das Stück in eine eigene Klangwelt aufbrach. Vergleichbar vielleicht mit der musikalischen Nähe von Hans Rott und Gustav Mahler verbanden sich spätromantisch bekannte Anklänge, eine eigene Sprache und vor allem eine blühende, eloquente Sinfonik – was für eine Entdeckung!
Nicht nur Malofeev statt Argerich hieß es danach, sondern auch Grieg statt Schumann. Das Klavierkonzert des Norwegers, immerhin ebenso in a-Moll wie Schumanns. Und fast ebensooft gehört – aber wohl noch nie so weich, fließend und milde. Wie sich Alexander Malofeev und Lahav Shani auf einen gemeinsamen Weg einigten, war schon verblüffend, denn das Orchester folgte dem Pianisten in viele sanfte Täler. Die Qualitäten des Rotterdams Philharmonisch Orkest, die zuvor schon spürbar gewesen waren, traten nun noch deutlicher hervor, wie etwa in den Hörnern. Neben dem ohnehin exzellenten ersten Horn fiel die Paarung auf, die im Orchestertutti den Beginn des zweiten Satzes auszumalen hilft, noch bevor das eigentliche Hornsolo einsetzt – derart fein und klar hört man das selten heraus! Den hauchenden Holzbläsern stand mit einem elektrisierenden Blech ebenso ein starker Kontrast gegenüber, wie Alexander Malofeev in der Kadenz plötzlich eine ungeahnte Leidenschaft entwickelte. Dennoch: in Zeiten, da die historische Aufführungspraxis in nahezu jedes Sinfonieorchester vorgedrungen ist und die Romantik prickeln läßt, war diese stark süße, kitschige Interpretation doch gewöhnungsbedürftig.

Technisch blieb die Leistung über jeden Zweifel erhaben und riß das Publikum mit, weshalb Alexander Malofeev gleich zwei Zugaben und quasi drei Bearbeitungen nachschob: zunächst ein Stück aus der Nußknackersuite in der Umschrift des Pianistenkollegen Mikhail Pletnev, danach Henry Purcells Ground in c, der damit ein Liedthema verarbeitet hatte, das hier aber – noch einmal romantisiert – im neuen Gewand erklang. Wer die Möglichkeit hat, mag vergleichen: Mahan Esfahani spielt das Stück gern auf dem Cembalo (vielleicht demnächst beim Bachfest Leipzig).
Zu den interessantesten Begegnungen der DMF gehören die Auftritte der Gastorchester. Und wenn sich das Rotterdams Philharmonisch Orkest mit der zweiten Sinfonie von Johannes Brahms ankündigt, dann steht etwas Besonderes bevor, da ändert Martha Argerich keinen Deut daran! Ob das Klavierkonzert zuvor eher Einigkeit oder Kompromiß gewesen war, konnte man sich fragen – jetzt gab es in jedem Fall eine Originalauffassung von Lahav Shani.
Wo zuvor verzärtelte Klänge schwebten, durfte Brahms nun fröhlich und drangvoll eilen und stürmen. Das Rotterdams Philharmonisch Orkest verwöhnte mit allen Klangqualitäten, die man sich von einem großen Sinfonieorchester wünscht: die Basis homogener Streicher konnte das Thema, das die Sinfonie so genial durchstreift, auch einmal den Bläsern überlassen – es verlor kein Jota an Homogenität.

Im Spiel zurückgenommener und kräftiger Passagen fiel noch mehr auf, wie selbst in Brahms‘ stürmischen Temperament die Transparenz nicht verlorenging und Solisten (Oboe, Flöte) beseligend eingeflochten waren. Die Seele war es überhaupt, die Lahav Shani noch über den Klang hob. So hielt er noch im Piano des Allegro non troppo eine ungeheure Spannung, aus deren Mitte, von der Pauke ausgelöst, das Thema zu neuem Leben erwachte. Das Allegretto grazioso wiederum begann als kammermusikalische Serenade mit Oboe, Violoncelli und Bläsern. Die Spannung trug bis in den letzten Satz, impulsiv treibend – ein Schulbeispiel, wie man dynamische Verläufe gestaltet. Derart mitgerissen ließ sich das Publikum gern noch einen Ungarischen Tanz von Johannes Brahms zugeben.
3. Juni 2026, Wolfram Quellmalz