Von wegen »Ruhe«!

Ullrich Böhme an der Silbermann-Orgel Reinhardtsgrimma

Es gibt Berufe, da scheint das »i. R.« (in Ruhe) fast wie eine Floskel, denn »Ruhe« oder »Ruhestand« gibt es nicht, wenn jemand immer wieder herbeigerufen wird oder sein Tun nicht lassen kann. Pfarrer gehören sicher dazu, aber ebenso Organisten. Am Sonntag spielte Ullrich Böhme, Thomasorganist i. R., im Rahmen der Konzertreihe an der Silbermann-Orgel in Reinhardtsgrimma.

»Bachs Nachfolger« stand über dem Programm, was sich aber nicht auf Thomaskantoren als Komponisten bezog wie Johann Adam Hiller, Karl Straube oder Günther Ramin, auch nicht auf Bachs Nachfolgegeneration, etwa Carl Philipp Emanuel, sondern auf den spielenden Organisten und sein Wirken in der Thomaskirche.

Ullrich Böhme in der Dorfkirche Reinhardtsgrimma, Photo: NMB

Eine Nachfolge bestand noch in anderer Hinsicht, denn die Konzertreihe hatte einst Herbert Collum, der in Reinhardtsgrimma begraben ist, ins Leben gerufen. Pfarrer Markus Deckert erinnerte in seiner Begrüßung an den früheren Kreuzorganisten, dessen 112. Geburtstag auf den Vortag gefallen war. Ullrich Böhme erzählte, Collum damals in Reinhardtsgrimma gehört zu haben. Da wäre er gerade siebzehn gewesen – dies sei nun der erste Besuch seitdem.

Über Johann Sebastian Bach wußte Ullrich Böhme ebenso manches zu berichten, etwa, daß dieser Dieterich Buxtehudes Choralphantasie »Nun freut euch, lieben Christen gmein« (BuxWV 210) sehr geschätzt und schon als dreizehnjähriger abgeschrieben habe.

Das Konzert begann jedoch mit einem Klassiker bzw. wesentlichen Beeinflusser der Norddeutschen Orgelschule, Jan Pieterszoon Sweelincks Ballo del Granduca (Tanz des Großherzogs). Im frohen Charakter verbanden sich verspielte Variationen, mal blühend, dann samtener, mit einem stetigen Baß. Ullrich Böhme ließ das Werk dynamisch wachsen und präsentierte im Abschluß jenen gerühmten, kräftigen Silbermann-Klang, eine Qualität, die prägend bleiben sollte.

Buxtehudes Choralphantasie setzte dem noch eins auf, war mit bestechender Artikulation vorgetragen, so daß man den Wortbezug des Chorals zu hören meinte, während die Begleitung aus sich öffnenden Perlenvorhängen zu bestehen schien. Blieb zunächst die Melodie kantabel im Vordergrund, trat mit der Fuge zunehmend eine rhythmische Qualität hinzu. Spitzentöne und ausschreitendes Vorwärtsdrängen verdichteten sich in einem fast massiven Klang.

Mit dem aus Aragon stammenden Organisten Pablo Bruna nahm Ullrich Böhme noch eine Generation vor Dieterich Buxtehude ins Programm – Vorgänger spielten also auch eine Rolle. Hier variierte das Thema tänzerisch mit Ciacona-Muster über die Register.

Nachfolger greifen manchmal oder sogar oft das Werk von Vorgängern auf. Franz Liszt hatte beim Besuch einer Messe in der Sixtinischen Kapelle Werke gehört, die ihn zur Verarbeitung auf der Orgel angeregt hatten. Ein Miserere von Gregorio Allegri und das berühmte Ave verum corpus Mozarts klangen hier in doppelter Überraschung: erstens wegen der Übertragung der bekannten Themen auf die Orgel, andererseits wegen der sehr romantischen Auslegung. Wie ein dunkler Tanz beginnend, schloß sich bald ein Feuer-Stakkato in Allegris Miserere an. Vor allem Mozarts Motette durfte auffällig schweben und tremulierend schwingen.

Die beiden im letzten Jahr neu zugeordneten Ciaconas Johann Sebastian Bachs findet man derzeit in vielen Orgelprogrammen. Sie in direkter Folge zu hören, erlaubte einen Vergleich der beiden Frühwerke. Während die Ciacona ex d (BWV 1178) die Register aufeinander antworten läßt und den Mittelteil mit einer Fuge betont, ist jene ex g (BWV 1179) mit Trillerfiguren reicher verziert. In der kräftigen Registerwahl fiel sie deutlich präsenter aus.

Den frohen, aber etwas lauten Sinn konnten auch Präludium und Fuge C-Dur (BWV 547) nicht verbergen. Wiegend zunächst im Präludium, setzte die Fuge ein kräftiges Ausrufungszeichen. Mit dem Choralvorspiel »Herr Jesu Christ, dich zu uns wend’« (BWV 709) galt die Zugabe noch einmal Johann Sebastian Bach. Tremolierend in der Melodie blieb der Vorgänger zentraler Bezugspunkt.

20. Juli 2026, Wolfram Quellmalz

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