Momente der Beruhigung

Vesper in Loschwitz

Regelmäßig tritt die Loschwitzer Kirche in Zusammenarbeit mit dem Dresdner Hofmusik e. V. in Dresden als Ausrichter von Konzerten und Vespern in Erscheinung. Dabei sind Gastchöre, zuletzt der StudiChor am 11. Juli, ebenso zu erleben wie eigene Ensemble oder Gruppierungen mit Musikern der Dresdner Hofmusik. Zwischen 22. Mai und 25. September geschieht dies in der zweiwöchigen Regelmäßigkeit des Loschwitzer Musiksommers.

Am vergangenen Freitag gestalteten Maria Tosenko (Gesang), Annekathrin Rammelt (Violine) und Katrin Meingast (Violoncello) mit Pfarrer Christian Lehnert die Vesper. Das Abendgebet und Marias Lobgesang (Magnificat) standen bereits im gesprochenen Wort besonders im Mittelpunkt, das Lob im gemeinsamen Lied (»Lobe den Herrn«) aber ebenso, wie das Programm auf dem Höhepunkt des Sommers nach Beruhigung suchte. Das zeigte sich nicht nur in der Programmeinteilung (Psalm, Lesung, Besinnung), sondern kam gleichermaßen in der Musik zum Ausdruck.

Dabei fiel auf, daß Stimmen manchmal zurückgenommen, in der Präsenz »entschärft« werden können, wie andere aus einer unmerklichen, organischen Verbundenheit heraustreten und Eigenständigkeit oder sogar Individualität gewinnen. Die drei vorhandenen Stimmen wurden immer wieder neu tariert und zueinander ins Verhältnis gesetzt.

Domenico Ghirlandaio »Heimsuchung Mariä« (Temperafarbe auf Pappelholzpaneel, 172 x 167 cm, 1491), Musée du Louvre, Bildquelle: Wikimedia commons

Maria Tosenko forcierte in den Bach-Arien »Gott der Herr ist Sonn‘ und Schild« (aus der gleichnamigen Kantate BWV 79) und »Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret« (aus der Kantate »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren« BWV 137) ihren Alt ebensowenig wie später bei Telemann. Vielmehr blieb ihre Stimme angenehm fast zwischen Mezzo- und Altlage schwebend, während die Violine die höhere Melodie übernahm. Statt Jubel vermittelten die Arien auf diese Weise vor allem das zuversichtliche Vertrauen.

Ähnliche Stimmlagenerfahrungen und sogar neue Eindrücke konnte man bei drei der Zweistimmigen Inventionen Johann Sebastian Bachs erleben, die ursprünglich für ein Tasteninstrument gedacht sind. Bach hat darin die Gleichwertigkeit der beiden Hände betont –liegt es da nicht nahe, die Noten auf zwei andere, eigenständige Instrumente aufzuteilen? Mit Violine und Violoncello ändern sich die Klangeindrücke teils vollkommen, denn ein Klavier kann im Gegensatz perlen, die Streichinstrumente sind geschmeidiger, klangen luftiger, auffliegender. Die erste der Inventionen (C-Dur, BWV 772) erweckte einen frohen Eindruck, die dritte (D-Dur, BWV 774) moduliert in den Tonarten und führte sonor in einen überraschenden Schluß.

Nach der zweiten Bach-Arie und dem Gemeindelied folgte die sechste der Zweistimmigen Inventionen (E-Dur, BWV 777), bei der die Gegenläufigkeit der beiden Melodien besonders reizvoll ausfiel. Dazu verwendeten Annekathrin Rammelt und Katrin Meingast teilweise Dämpfer für einen samteneren Ton.

Auch wenn die Vesper in erster Linie der Andacht galt, war mit den Beteiligten mit einem gehobenen musikalischen Gehalt zu rechnen. Eine kleine Überraschung gab es mit zwei der Duette für Violine und Violoncello von Reinhold Glière aus Opus 39: während sich die anfangs dunkle Berceuse (weiterhin con sordino) frei und lebhaft vom reinen Wiegenlied zu entfernen und dem Tango zu nähern schien, verriet die Gavotte, jetzt ohne Dämpfer, ihren Inspirator Bach (BWV 1012) durchaus.

Georg Philipps Telemanns Solokantate »Weicht, ihr Sünden, bleibt dahinten« (TWV 1:1538) war noch einmal ein schönes Beispiel, wie Sing- und höherliegende Melodiestimme (Violine) zu einer Partnerschaft finden. Maria Tosenko nutzte den verhältnismäßig kleinen Raum (wenig Text) und nahm die Gelegenheit zu Akzentbetonungen einzelner Worte wie »Pein« wahr. Die »Pein« bleib natürlich nicht prägend. Der Text und die beflügelnden Streicher hoben die Stimmung.

18. Juli 2026, Wolfram Quellmalz

Nächste Vespern in Loschwitz (jeweils 18:00 Uhr): 31. Juli, mit Goetz Bienert (Orgel), 14. August, mit Michaela Hasselt (Cembalo)

Nächstes Konzert: 19. September, 19.30 Uhr, Gustav Mahler Sinfonie Nr. 2 mit der Singakademie

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