Mendelssohns Welten

Domorganist Sebastian Freitag spielte alle sechs Orgelsonaten im Sonderkonzert

Zyklische Werkbetrachtungen sind immer reizvoll. Im Vorjahr spielte Domorganist Sebastian Freitag das Gesamtschaffen Johann Sebastian Bachs für die Orgel an fünfzehn Abenden und schloß die Reihe am Reformationstag ab. Auch Dieterich Buxtehude und César Franck hat er sich bereits ganzheitlich gewidmet, so wie er das Werk Max Regers gern in den Mittelpunkt stellt. Am Freitag erklangen in einem Sonderkonzert sämtliche Orgelsonaten Felix Mendelssohns in der Katholischen Hofkirche Dresden.

England bzw. Schottland waren, vielleicht mehr noch als Italien, wichtige Stationen für Felix Mendelssohn. Während er den Süden im Rahmen seiner Grand tour besuchte und zu Werken wie der Italienischen Sinfonie angeregt wurde, schlug die Insel nicht nur in der Schottische Sinfonie und die Hebriden-Ouvertüre zu Buche, sondern unter anderem in manchen Orgelwerken – Mendelssohn war in Großbritannien als Organist sehr geschätzt. Am 24. Juli 1845 bewarb die Music World in einer größeren Ankündigung die Herausgabe der sechs Orgelsonaten als Subskriptionsausgabe. Am vergangenen Freitag, ebenfalls einem 24. Juli, spielte sie Domorganist Sebastian Freitag im Konzert.

Ankündigung der Herausgabe der Orgelsonaten Mendelssohns in Music World (24. Juli 1845), Bildquelle: Wikimedia commons

Die Programmfolge war dabei nicht chronologisch angelegt, sondern folgte praktisch-dramaturgischen Erwägungen: Die sechs Sonaten sind im Aufbau teils sehr unterschiedlich. Sebastian Freitag wollte vermeiden, daß sich zu ähnliche schnelle oder langsame Sätze anschlossen.

So begann er mit der vierten der Sonaten (B-Dur). Jede für sich entdeckt eine kleine Welt, nicht zuletzt, weil Felix Mendelssohn darin offen oder verdeckt Choralthemen zitiert. Das Allegro con brio war eine angemessene (Er)öffnung des Konzerts und schien die Musik zur Sonne auszurichten. Das Allegro assai vivace der ersten Sonate, mit dem das Konzert abschloß, zeigte später eine regelrecht himmlische Überhöhung und war ein angemessenes Gegenüber für diesen Beginn.

Zunächst nahmen die Licht- und Wärmefaktoren zu, enthielt die vierte Sonate regelrecht feurige Passagen. Mit der zweiten (c-Moll) erklomm das Programm ein kontemplatives Plateau. Bezeichnend war, daß Sebastian Freitag trotz schwimmender, tremolierend-romantischer Effekte bzw. Register die Konturen klar und scharf hielt.

Spätestens mit der fünften Sonate (D-Dur) traten Choral- bzw. choralähnliche Themen immer wieder stärker hervor. Zunächst noch verdeckt oder nur im Charakter, in der zweiten Konzerthälfte folgten jene Sonaten (d-Moll, A-Dur, f-Moll), in denen Mendelssohn echte Choräle eingeflochten hat. Das Allegro maestoso der fünfte Sonate markierte zunächst eine Mendelssohn-Qualität bzw. eine Registerwahl, die man mit »harmonisch wohlgeordnet« beschreiben kann. Auch dies sollte wiederkehren, ganz ohne »Gefühligkeit«.

Sebastian Freitag im Konzert an der Silbermann-Orgel der Hofkirche, Photo: NMB

Die Choralthemen hat Mendelssohn teils musikalisch frei behandelt, manchmal folgt er dem ursprüngliche Text. »Vater unser im Himmelreich« (Nr. 6) stand für ein Urvertrauen, aus dem sich die dramatisch dominierende Idee des Themas heraushob. Die Sonate endete in einem verblüffenden Finale, das Mendelssohn als Andante bzw. Abendlied angelegt hat.

Die dritte Sonate (A-Dur) trug ihren Choral (»Aus tiefer Not schrei ich zu dir«) energiegeladen vor. Die »Not« wurde nach und nach vom Jubel der Freude und erneut harmonischer Wohlgeratenheit verdrängt.

Blieb die erste Sonate (f-Moll, »Was mein Gott will, das g’scheh allzeit«), die noch einmal ein sonniges Erwachen enthielt und später so überragend abschließen sollte. Reizvoll ergaben sich dazwischen die dialogischen Registerwechsel wie m Andante recitativo.

26. Juli 2026, Wolfram Quellmalz

Am 5. August (20:00 Uhr) spielt Sebastian Freitag im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ in der Hofkirche.

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