Ein Himmelreich für alle Zeiten

Jens Wollenschläger zur Halbzeit beim Dresdner Orgelsommer

Fünfundvierzig Minuten sind für ein Konzert an sich knapp, doch sie können genügen, die Tür zu einer Welt zu öffnen, Geheimnisse und Entdeckungen zu offenbaren und zu Vergleichen anzuregen. Nachdem Kilian Nauhaus vor einer Woche beim Orgelsommer in der Dresdner Kreuzkirche Choralbearbeitungen Johann Sebastian Bachs bekannten Komponistennamen, allerdings mit eher ungewöhnlichen Werken, gegenübergestellt und eine große Vielfalt zwischen Bach und Romantik dargestellt hatte [NMB berichteten: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/07/22/in-bester-gesellschaft/%5D, zog Stiftsorganist Jens Wollenschläger (St. Georg / Tübingen) am Sonnabend mit einer einzigen Choralmelodie quasi durch die Jahrhunderte. Das Lutherische Vaterunser-Liede »Vater unser im Himmelreich« erklang zwar immer wieder im Rahmen des kurzen, kostenlosen Sommerkonzerts, dennoch entwickelte sich daraus keine einseitige, vielleicht drückende Spannung oder ein Andachtszwang. Ein schönes Beispiel, wie liturgisch gewachsene Musik anregen und ganz unterschiedlich beglücken kann!

Am Wegesrand oft unscheinbar – bis die Königskerze blüht, Photo: NMB

Die Eröffnung ermöglichte noch einen anderen Vergleich – Domorganist Sebastian Freitag hatte am Freitag in einem Sonderkonzert sämtliche Orgelsonaten von Felix Mendelssohn gespielt und mit dem geschlossenen Programm Verlauf und Vielfalt der Gattung dargestellt. Bei ihm stand die sechste Sonate in der Mitte, deren erster Satz sich auf Luthers Choral bezieht. Jens Wollenschläger hatte ihn an den Anfang gesetzt und damit für einen ruhigen, zugänglichen Beginn gesorgt. Die romantische Epoche ist für viele die wichtigste innerhalb der Klassik und damit als Eintritt ausgesprochen geeignet, gleichzeitig entwickelt Mendelssohn in seinen Variationen ein vitales Bild, das sich »sostenuto« nachdrücklich in eine majestätische Klangpracht steigerte.

Derart aufgeweckt, lockte Jens Wollenschläger in eine weit zurückliegende Vergangenheit der Renaissance zu Sebastian Aguilera de Heredias Obra de 8o. tono alto: Ensalada, das etwa 250 Jahre vor Mendelssohns Sonaten entstanden war. Die wandlungsfähige Jehmlich-Orgel durfte hier den filigranen Klang einzelner Stimmen in einer Dudelsack-Harmonik zeigen. Eine feine Zier verband darin Fanfarenmotive und fröhlichen Gestus.

Jens Wollenschläger sollte später noch weitere eine weitere iberische Überraschung präsentieren, zunächst aber stand mit Johann Sebastian Bach die wohl bekannteste Choralbearbeitung von »Vater unser im Himmelreich« (BWV 682 aus dem Dritter Theil der Clavierübung) auf dem Programm, in der sich die beiden Manual- und die Pedalstimmen nicht in Registerwechseln, sondern durchgängig schreitend gegenüberstanden – ein Auszug aus Bachs Meisterschaft für Liebhaber.

Doch die Liebhaber fanden ebensoviel Gefallen an Georg Böhms Fassung des Chorals. Interessant: während Mendelssohn das Thema noch verarbeitet, gesteigert und »ausgestellt« hatte, erklang es hier gedämpft im Plenum mit einem später folgenden Solo darüber – je nach vorgesehener liturgischer Verwendung und Zeitgeschmack fielen die Liedbearbeitungen also sehr unterschiedlich aus, in diesem Fall ausgesprochen innig.

Mit Francisco Correa de Arauxo betrat sozusagen ein weiterer, selten zu hörender spanischer Komponist die Orgelempore, noch einmal aus der Renaissance. Tiento de medio registro de baxon de septimo tono (50) war eine zwar knappe, aber herrlich farbige Interpretation (liturgisch vielleicht für einen Übergang). Auch Jacob Praetorius aus einer bekannten Musikerfamilie (Vater war der Komponist Hieronymus Praetorius) hatte mit »Vater unser im Himmelreich« eine kurze, innige Überleitung oder einen Besinnungspunkt geschaffen.

Daß die Jehmlich-Orgel in vielen Jahrhunderten und auch leise klingen kann, konnten wir schon oft erleben. Nach der Orgelsanierung Anfang des Jahres ist sie aber in manchem, vor allem im Bereich der Bässe noch einmal erkräftigt. Vielleicht trug das zum Eindruck bei Johann Ulrich Steigleders Tabulatur Buch »Darinnen Daß Vatter vnser« bei? In zwei Auszügen erklangen zuerst luftige (kurze) Töne über einem ausgesprochen melodisch summenden Subbaß (Nr. 31: 4 Voc. Coral im Baß), worauf Nr. 40: 4 Vocum. Die 40. Und letste Variation / auff Toccata Manier mit dem hellsten Strahlen an diesem Nachmittag und kunstvollstem Aufbau einerseits noch einmal die alte Harmonik des frühen 17. Jahrhunderts anklingen ließ, andererseits dem romantischen Schmeicheln des Beginns einen glanzvollen Schlußpunkt aufsetzte.

26. Juli 2026, Wolfram Quellmalz

Kommende Woche nimmt Joachim Aßmann (Koblenz) mit Werken von Alexandre Guilmant und anderen im Orgelsommer unter anderem Bezug auf den Choral »Was Gott tut, das ist wohlgetan« (1. August, 15:00 Uhr)

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