Musikalisch-literarischer Nachmittag beim Musikfest Erzgebirge
Das Musikfest Erzgebirge (MFE) bietet in der dichten Fülle seiner Veranstaltungen – sechzehn Konzerte, Gottesdienste und noch weitere KlangPunkte sind bis zum Sonntag im ganzen Erzgebirge zu erleben – Raum experimentelle Formate, sei es für elektronische Musik oder für Lesungen. Musik & Poesie hieß es am Sonntag in der Evangelischen Kirche Thum, wo Corinna Harfouch und Stefan Maass wieder einmal aufeinandertrafen.
Wer nun glaubte, die Musik stünde beim MFE (ein wenig) im Vordergrund, lag genauso daneben wie jener, der annahm, Lautenist Stefan Maas brächte eine ERZlaute mit ins ERZgebirge. Mitnichten! Vielmehr hatte er eine Gitarre dabei, die in der Zeit des Dichters Johann Christian Günther vielleicht das liedertauglichere Instrument war, und begleitete die Lesung abgesehen von einigen stimmigen Improvisationen mit Musik als Untermalung der Texte. Musik als Untermalung? Ja, einmal hier, das paßte.

Denn der Dichter Johann Christian Günther stand im Mittelpunkt, der geniale, vergessene, frühverstorbene – seine Lebensdaten sind ähnlich knapp (und tragisch) wie die von Franz Schubert. Immerhin hatte dieser aber stets ein Dach über dem Kopf (und sei es bei Freunden) und ein Klavier zur Hand – Günther mußte gar Zeit im Schuldgefängnis verbringen. Mit dem Vater hatten beide Konflikte – auch hier lagen die folgenschwereren bei Günther.
Dabei konnte der Dichter sich mit den größten messen, kein geringerer als Goethe lobte ihn, hob aber neben der Sinnlichkeit und Lebenslust auch Trinkfreude hervor – zu Unrecht? Zumindest hat er das Bild (mit)geprägt und dem Dichter geschadet.
Es gab jedoch im Leben des Johann Christian Günther durchaus »feste Größen«. Eine Liebste zum Beispiel Leonore, die er heiraten wollte – der Vater, der Stadtarzt in Striegau, stellte sich dagegen. Seine Ablehnung des Sohnes, dem er die Unterstützung verwehrte, obwohl dieser Medizin studierte, wirkte verheerend. Briefe bewirkten nichts. Ein hartherziger Vater? Vielleicht. Indes: Wir kennen seine (mögliche) Antwort ebensowenig wie die genauen Gründe für seine Ablehnung. Gut möglich, daß auch Johann Günther heute falsch, zumindest nicht zutreffend eingeordnet ist.

Corinna Harfouch ließ den Dichter für einige Momente aufleben, verlieh ihm per Stimme, Blut, Glut und Feuer, entzweite und versöhnte sich (mehrfach) mit Leonore, ließ es Abend werden («Der Feierabend ist gemacht«) und haderte über das Schicksal (»Man muß doch mit den Wölfen heulen «).
Eine Annäherung an den Vater versuchte der Sohn auch mehrfach – erfolglos. Selbst seine Briefe, zeigt sich, sind voller Dichtkunst und Reime – ein überlaufender Born der Phantasie, des Geistes, des Lebens. Einer, der brannte, der zu früh verbrannte?

Mit klarer Stimme und Emotionalität entriß Corinna Harfouch den Dichter der Vergessenheit. Eine gute Stunde fühlbarer Dichter, Sohn, Liebender – alles umsonst? Nein. In den Schulbüchern mag man ihn nicht finden, neben den großen Dichtern ist sein Name verblaßt, aber vergessen ist Johann Christian Günther nicht, war er nicht, nur verdrängt und verkannt. Seine Gedichte wurden und werden verlegt, seine Bücher können Sie kaufen oder ausleihen. Die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden hat seine Gedichte und Studentenlieder, einen Wegweiser zu Johann Christian Günther und noch einiges mehr im Programm – lesen Sie ihn!
7. September 2026, Wolfram Quellmalz