Spielweisen und Zierden

Zierwerk Barock bei der Alten Musik in Leubnitz

»Il Sassone e il Concorrente« – »Der Sachse und der Konkurrent« hatte Zierwerk Barock sein Konzert, den zweiten Termin in der Reihe Alte Musik in Leubnitz, genannt. Aus diesem kurzen Sachverhalt bzw. dieser Verhältnissetzung ließen sich viele Beziehungen ableiten. Einerseits, weil sowohl Georg Friedrich Händel (»Il sassone«) als Johann Adolph Hasse (»Il divino sassone« / »Der göttliche Sachse«) in Italien mit demselben Attribut bezeichnet waren, andererseits ließen sich zwischen allen Komponisten des Abends Bekanntschaften, Freundschaften oder Schüler-Lehrer-Beziehungen finden. Bewunderung und eine belebende Konkurrenz gehörten wohl eher dazu als Neid – der kommt auf, wenn eine Partei minderbemittelt ist (oder sich so fühlt). Diesen Fall konnte man angesichts der Qualität der gebotenen Musik jedoch ausschließen. Und wäre er uns anderenfalls nicht durch weitere Anekdote über den zuweilen resolut aufbrausenden Händel überliefert?

Zierwerk Barock legte den Reichtum nicht allein in den Komponistennamen fest, sondern ebenso in der Besetzung. So wechselten sich Anne Schumann und Anke Strobel (beide Barockvioline) in der ersten Stimme ab, Anne Schumann spielte außerdem die Viola da Gamba. Klaus Voigt sorgte mit der Viola da spalla für eine Vielfalt der tiefen Stimme, während Hildegard Saretz die Wandelbarkeit des Cembalos als Begleit- und Soloinstrument vorführte.

Hildegard Saretz, Anne Schumann, Klaus Voigt und Anke Strobel, Photo: NMB

Ein Schlüssel des Erlebens lag in der Spielweise, beginnend mit der Wahl der Tempi. Auf diese Weise offenbarten sich die Unterschiede von Werken, die formal, Satzfolge und -aufbau gemäß, teils eine hohe Ähnlichkeit hatten. Beim göttlichen Sachsen Hasse mit Anne Strobel an der ersten Violine entfaltete sich in der Sonata I a tre sogleich ein geschmeidiger Dreiklang gleichwertiger Stimmen. Das Presto, sonst gern sehr flott oder noch schneller genommen, behielt im Maß eine Heiterkeit ohne Hetze, das Siciliano schloß sich als Musterbeispiel eines Wiegenliedes und eines der schönsten Sätze des Abends überhaupt an. Das Verhältnis von Allegro und Presto kennzeichnete nicht das Tempo, sondern äußerte sich in einer Keckheit – nicht die Maßvorgabe, sondern der hervorgerufene Charakter war das Unterscheidungsmerkmal.

Georg Friedrich Händels Sonata D-Dur für Violine (Anne Strobel) und Basso continuo hob eine Wehmut der Solostimme hervor, bot aber trotzdem einen lebhaften Dialog mit der Begleitung von Viola da Spalla und Cembalo. Attilio Ottavio Ariosti, ein Mitspieler, Freund, Konkurrent … (?), der Händel auch in London begegnete, sorgte danach mit einer »Übung«, der Lezione II für Viola d’amore und Basso continuo für einen neuen Farbtupfer. Nicht nur harmonisch anders gelegen als die zuvor gehörten Sonaten, bot die Lektion im zweiten Satz (Vivace) außer Lebhaftigkeit Dramatik, worauf sich erst eine noch tiefere Melancholie entfaltete (Adagio), deren aufgerauhten Töne aber von einem um so fröhlicherem Aufbruch (Minuet) verscheucht wurde.

Die Konkurrenz zwischen Nicola Porpora und Georg Friedrich Händel, deren Ursprünge auch in Dresden liegt, bevor beide in London um das Publikum und den Kastraten Farinelli rangen, dürfte die vielleicht ernsthafteste des Abends gewesen sein. Und doch müssen sich geschätzt haben! Zähneknirschend? Wer weiß … Porporas Sonate für Violine (Anne Strobel), Violoncello und Basso continuo bot nach einem ruhig verlaufenden Adagio ein rhythmisch geprägtes Allegro, bei dem das Cembalo fast perkussiv wirksam wurde. Im Adagio staccato verstärkte sich der Effekt noch durch die Bogentechnik – ein wenig »Winter« à la Purcell oder Vivaldi zog in die Altleubnitzer Kirche. Die Viola da Spalla bewies einmal mehr ihre Stimmkraft als »kleines Cello«.

Zu den Klangüberraschungen gehörte sicher Alessandro Scarlattis Variazioni sulla »Follia di Spagna«. Scarlatti überreizte das bekannte Folia-Thema nicht mit Effekt (und lustig), sondern verwendete es als musikalisches Material, das er kunstvoll verändert und variiert. Dem solistischen Kleinod folgte Pietro Castruccis Sonata I für Violine (Anne Schumann) und Basso continuo, im Grunde ein Duett argumentierender Stimmen von Violine und Viola da Spalla, die trotz einer Argumentbetonung am Schluß ihre Ausgewogenheit und die Ruhe des Dialogs bewahrten.

Die Sonata I of three parts for two violins and a bass von Arcangelo Corelli war incl. Satzwiederholung als Zugabe ein so klangvoller wie virtuoser Abschluß. Und sie überraschte noch einmal, denn die so eigentümlich um den Hals getragenen Viola da Spalla bot doch eindeutig den Klang eines Fagotts!

3. September 2026, Wolfram Quellmalz

Nächste Konzerte in Altleubnitz: 8. September, 19:30 Uhr, Lesung: »Das Havelberger Konzert«, Christoph Heins »Bach-Novellen«, mit Albrecht Goette, 11. September 2026,  19:30 Uhr, Dialogkantaten für Sopran und Bass von Johann Sebastian Bach

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