Aviva legt Erfolgsroman von Jolán Földes neu auf
Jolán Földes (ursprünglich Jolán Friedländer) gehörte ab den 1930er Jahren zu den bekannten und erfolgreichen Autoren Europas. Ob schon ihr erster veröffentlichter Roman »Férjhez megyek« (deutsch: »Ich heirate«) ernsthaft wahrgenommen wurde, läßt sich heute schwer nachvollziehen, denn der Erfolg brachte auch Äußerungen von Neidern mit sich, die das Buch als »unterhaltend« abzuwerten versuchten. Ein Jahr später (1937) gewann die Autorin mit »A halászó macska uccája« (»Die Straße der fischenden Katze«) das Preisausschrieben eines Pariser Verlages, woraufhin das Buch in zwölf weitere Sprachen übersetzt und veröffentlicht wurde. Mag sein, daß Jolán Földes darin eigene Erlebnisse erzählt, sicher ist es nicht. In jedem Fall hat das sie Milieu der Emigranten in Paris verarbeitet, in dem sie selbst einige Jahre lebte.
Die ungarisch-jüdische, in Kenderes geborene Autorin ging später nach London und nannte sich dort Yolande Foldes. Ihr Buch »Goldene Ohrringe« wurde 1947 in Hollywood mit Marlene Dietrich und Ray Milland verfilmt. Danach wurde Jolán Földes vorübergehend vergessen, bis der Aviva Verlag »Die Straße der fischenden Katze« wiederveröffentlichte.
Das Buch ist nicht nur in der alten Übersetzung von Stefan I. Klein ein Schatz! Die damalige Übertragung liest sich noch heute gut, schließlich sie ist mit der Sprache der Entstehungszeit verbunden. Manche »alten«, typisch österreichischen Begriffe und Schreibweisen wie Trottoire oder Bureau fügen sich außerdem in den Kontext der Einwanderer – das Königreich Ungarn war damals, wenige Jahre nach dem Ende der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, für viele Pariser noch den alten Verhältnissen zugeordnet.
Diesen Umstand bekommt auch die junge Anni zu spüren, die mit ihren Eltern und zwei jüngeren Geschwistern aufgebrochen ist, von Budapest über Wien nach Paris. Der Vater, ein gelernter und angesehener Kürschner, war im Krieg, lag lange im Spital und fand zu Hause kein ausreichendes Auskommen mehr. Zukunftsoptimistisch und offen, neugierig für alles Neue und für fremde Länder, beschloß er, aufzubrechen, mit der Familie einen Neuanfang zu wagen – in Paris. Dort leben die Barabás‘ in einem der kleinen Hotels, in dem Migranten möblierte Zimmer bewohnen. Manche vorübergehend, andere über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, wie »Onkel Bardichinow«, ein russischer Bankier, der hofft, im nächsten, spätestens im übernächsten Jahr »nach Hause« zurückkehren zu können.
Leseprobe:
Anni ging nicht uns Abteil. Sie kauert draußen im Gang, – kauert deshalb, weil man so höher sieht, bis hinauf zu den Bergspitzen – kauert draußen mit schmerzenden Knien und steif gewordenem Nacken, und der sprühende Schnee treibt ihr Tränen in die Augen. Das kleine Mädchen hockt im Gang des fahrenden Zuges, das Herz schmerzt es, sein Atem stockt. Es blickt hinauf in die Höhe, betrachtet die geraden Fichten, das weiße Gleißen des Schnees … diese harte und makellose Welt, die keinerlei Hilfe Bedarf. Sie ist so vollkommen und einsam, so fern, so erhaben. Das kleine Mädchen kauert auf dem schmutzigen Fußboden des Ganges und weiß nicht, daß es das ganze Leben hindurch dies suchen werde, diese Stille, diesen Stolz, diese Erhabenheit. In der eigenen Seele danach graben, in fremden Seelen danach hungern und dürsten werde, unbewußt und sehnsüchtig, so lang sie lebt.
Jolán Földes schildert nicht nur das Zusammenleben der Familie Barabás inmitten höchst unterschiedlicher Menschen, die teils nur vorüberziehen. Manche tauchen nur kurz auf, trotzdem fängt die Autorin ihr Wesen ein, läßt den Leser ihr Schicksal mitfühlen. Nebenbei gibt es ein wenig Pariser Leben und französisches Kolorit aus der Sicht der Einwanderer – die Eltern sind entsetzt, als die Kinder zur Vesper in der Schule Geld für Rotwein benötigen!
Diese Seite von Paris ist eigentlich nicht neuer und fremder als die entsprechenden Teile von Budapest, die sie ebensowenig kannten. Dennoch haben sie das Gefühl, daß sie jetzt vom Hauch dieser fernen, großen und geheimnisvollen Welt berührt werden, und dieses Gefühl ist bis zu einem gewissen Grade auch berechtigt. Vielleicht nur insofern, daß Paris fröhlicher ist als Budapest. Irgendeine lässige frohe Laune schwebt über dieser Stadt, eine natürliche und gesicherte frohe Laune heimelig, beinahe träge.
Das Schicksal der ungarischen Familie verläuft höchst unterschiedlich: mühsam erarbeitet sich der Vater eine Position, wie er sie vergleichbar – gesellschaftlich wie bei der Arbeit – in Ungarn bereits einmal innehatte. Die Mutter übernimmt mit Anni den Haushalt und hilft aus, wenn es am nötigsten fehlt. Immer wieder gibt es aber Rückschläge.
Während die jüngsten Geschwister die Sprache schnell lernen, die französische Staatsbürgerschaft annehmen und Stipendien erhalten, um Schule, Schulessen und schließlich sogar ein Internat kostenlos zu genießen, ist Anni dafür, anfangs gerade zwölf, bereits zu alt. Mit dem Weggang von Budapest endeten auch ihre Schulbesuche. Sie bleibt zunächst zu Hause, beginnt später jedoch eine Lehre und wird eine angesehene Schneiderin.
Dann bringt Wasja eine Annonce heim, in der steht, daß eine junge Dame, die das Nähen erlernen wolle, als Lehrmädchen aufgenommen werde. Anni geht hin, sie lehnt sogar Bardichinows Begleitung ab, und wird als Lehrmädchen aufgenommen. Anni erlernt, was es heißt: als Fremde in Arbeit gehen. Anni rennt umher, Anni arbeitet, dennoch bewahrt sie die Annonce über dem Herzen auf, Anni sinkt todmüde ins Bett und manchmal träumt sie von den Schweizer Bergen, auf deren Gipfeln die Erhabenheit thront.
Wenn es nur so bliebe – denn für die Fremden in Paris ist vieles fragil, unzuverlässig. Politische Konflikte zwischen den Ländern schlagen schnell auf das Schicksal der Familie durch. Mit einem Mal zählen die Ungarn wegen ihrer ehemaligen Monarchie als Deutsche, also Feinde, und erfahren die Ressentiments der Pariser. Zweimal müssen der Vater und Anni aufbrechen, die Familie verlassen, um in einer anderen Fremde oder der alten Heimat einen Ausweg zu suchen. Jedes Mal ist das ein Risiko …
»Die Straße der fischenden Katze« ist eine zauberhafte Wiederentdeckung!

Weiterlesen: Jolán Földes »Die Straße der fischenden Katze« hat viel in uns ausgelöst, auch Erinnerungen an andere Bücher wie Franz Werfels »Die Geschwister von Neapel« oder Jaroslav Rudiš‘ »Winterbergs letzte Reise« (bei uns in Heft 33).