Vorgänger und Nachfolger

Drei Domorganisten im Konzert

Denkt man an Vorgänger und Nachfolger in der Musik, kommt man schnell auf Johann Sebastian Bach, sei es wegen seiner Nachfolge von Johann Kuhnau als Thomaskantor (sowie Bachs eigenen Nachfolgern), wegen seines Meisterschülers Johann Ludwig Krebs (dessen Vater Johann Tobias Krebs ebenso bei Bach studiert hat) oder wegen seiner Söhne, unter denen Wilhelm Friedmann, Carl Philipp Emanuel und Johann Christian vielleicht besonders herausragen.

Heikel sind oft Nachfolgerschaften unter Kollegen (siehe Bach), wenn die einen nicht loslassen können oder die anderen nicht in die Fußstapfen passen (oder nur glauben, nicht den Erwartungen zu entsprechen).

Doch manchmal gibt es auch geglückte, unbelastete Nachfolgerschaften. Wenn sie dann noch in räumlicher Nähe verbleiben, sind gelegentliche Treffen nicht nur möglich, sondern sogar erwünscht. Auf den aktuellen Domorganisten der Katholischen Hofkirche Dresden (Kathedrale) Sebastian Freitag und zwei seiner direkten Vorgänger, Thomas Lennartz und Hansjürgen Scholze, trifft dies offenbar zu. Am Freitag gaben somit drei der letzten vier Domorganisten ein gemeinsames Konzert in der Hofkirche – es war bereits ihr drittes.

Sebastian Freitag eröffnete als derjenige, der amtierend sozusagen die Einladung ausgesprochen hatte, mit Johann Sebastian Bach. Alle drei Organisten hatten sich Werke ausgewählt, die einen Bezug zu Dresden und zur Kirche haben, weil sie für ein Vorspiel gedacht warem oder weil sie sie hier kennenlernten. Bachs Präludium und Fuge D-Dur (BWV 532) enthält zudem einen Eröffnungseffekt, als gäben die Teile eines Perlenvorhang den Blick frei, wendet sich aber schnell einer Ernsthaftigkeit zu, dem freilich noch ein zweites »Vorhang auf« folgt. Die Fuge drang mit der Klarheit eines Weckrufs ins Kirchenschiff, aber auch mit einer inneren Fröhlichkeit. Sebastian Freitag setzte an der Silbermann-Orgel einen lehrbuchmäßigen Kathedralklang frei.

Die Fantasia »Von Gott will ich nicht lassen« des 1937 geborenen Bert Matter gehörte einst zum Bewerbungsvorspiel von Sebastian Freitag. Das Stück der Minimal music arbeitet mit typischen Sequenzen und Blöcken, gewinnt das Material dazu aber aus dem Choral, der schon am Anfang über den minimalen »Wellen« schweben darf. Später kehrt er im Baß wieder, während das Stück mit Tonrepetitionen und Stakkato spielt – durchaus reizvoll!

Sicherlich nicht das letzte gemeinsame Konzert: Sebastian Freitag, Hansjürgen Scholze und Thomas Lennartz am Freitag in der Hofkirche, Photo: NMB

Hansjürgen Scholze hatte Johann Gottlob Schneiders Thema mit Variationen A-Dur vor über zwanzig Jahren anläßlich der Wiedereinweihung der Silbermann-Orgel kennengelernt und führte nun den darin kein bißchen verborgenen, sondern offengelegten Variationsreichtum vor. Bilderbuch- oder noch einmal lehrbuchmäßig durchschreitet oder -eilt das Stück die Tonskalen, schelmisch getupft zunächst und mit wohlgesetzten Pausen, bald schon aber zeigten sich Volumezuwachs oder ein (immer) Mehr an Zierat, Umspielungen, Girlanden und Ornamenten. Teils erinnerte das an Stücke für die Flötenuhr oder raffinierte Spielautomaten, dennoch blieb es ein ernsthaftes Werk, daß in die Tonarten mit Moll-Einfärbungen modulierte, Trompeten bzw. Chalumeau tönen ließ, ebenso brillant wie dramatisch durch die Register eilte – das reinste Orgeltheater!

Einen inneren Kern des Abends bildeten Choralmelodien. Thomas Lennartz kam ebenso darauf zurück, denn in Gustav Adolf Merkels Orgelsonate Nr. 6 e-Moll (Opus 137) stecken gleich zwei solcher Zeilen »Aus tiefer Noth schrei ich zu dir« und »Wie schön leuchtet der Morgenstern«. Mit Merkel erklang zudem ein weiterer Vorgänger – der Komponist war einst als Hoforganist ebenso an der Silbermann-Orgel tätig. Sein zutiefst romantische Werk geht mit dem Orgelplenum oft wie mit einem Chor um, Rohrflöten und andere Register sorgen für die Soli, Thomas Lennartz hob diese Stimmung wunderbar hervor, wie gerade in im dunklen, fugierten Abschnitt des Adagio molto. Trotz stimmungsvollen Schwebens bleib eine Kantabilität auch über die zitierten Choräle hinaus erhalten.

6. September 2026, Wolfram Quellmalz

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