Erik Saties »Vexations« in der Himmelfahrtskirche Leuben
Abendmusiken gehören regelmäßig in das Angebot, das Kantor Paul Ehrmann-Antesberger in der Himmelfahrtskirche Dresden-Leuben nicht nur für die eigene Gemeinde anbietet. Im Herbst gibt es gleich ein paar großformatige »XXL-Termine«. Der erste war die Aufführung von Erik Saties »Vexations« (wörtlich: »Schikanen« oder »Quälereien«) mit fünf Pianisten. Ein an sich kurzes und einfaches Motiv mit zwei Variationen wird durch Wiederholungen über Stunden aufgeführt. Achthundertvierzig Mal wollte Satie das Motiv spielen lassen – je nach Spielweise dauert dies einen halben bis einen Tag.

In der Himmelfahrtskirche standen dafür fünf Kantoren zur Verfügung: neben Initiator Paul Ehrmann-Antesberger waren dies Irina Maria Antesberger, Hermann Beste, Robin Gaede und Johannes Matern, Beginn war 19:00 Uhr. Wie lang es dauern sollte oder würde, stand zunächst nicht fest. Wann aufhören? Wenn der letzte Ton gespielt ist oder sich der letzte Zuhörer verabschiedet hat?

Den zweiten Fall konnte Paul Ehrmann bald ausschließen, denn von den ersten Gästen des Abends hatten sich einige beim Verabschieden bereits wieder angekündigt – früh am Morgen wollten sie zurückkehren. Die NMB nutzten die konzeptbedingte Gelegenheit, die »Vexations« nach dem Abendkonzert (Orgelkonzert in der Hofkirche) zu besuchen. Und siehe da: Trotz ungemütlichen Wetters schienen zunächst, kurz vor zehn Uhr abends, mehr Besucher dazuzukommen, als daß sie die Kirche verließen.

Der Raum war dunkel, die Stimmung konzentriert. Und worauf richtet sich solche Konzentration? Zunächst auf die Musik. Achtzehn Töne des Motivs lassen sich, incl. Doppeltönen bzw. Intervallen, leicht hören, auch das Auf und Ab der Variationen. Schnell kehrt das ursprüngliche Thema wieder.
Nach und nach erweiterte sich das Beobachtungsfeld, denn man hörte nicht mehr Musik wie im Konzert, man hörte die Kirche, sah den Raum. Licht mit seinen Reflexionen und Schatten, den Turmuhrschlag alle viertel Stunde, von dem im Inneren der Kirche mehr das Schlagwerk als der Glockenton zu vernehmen waren.

Mit dem Stundenschlag ein Pianistenwechsel – fließend, ohne Unterbrechung, aber mit einer individuellen Änderung, denn jeder Pianist wählt sein eigenes Tempo, folgt dem eigenen Rhythmus. Und jeder Zuhörer gerät in eine Art Meditation, kommt zur Ruhe, folgt Gedanken, schweift ab. Fast schon eine Lebensübung, zumindest ein Mittel, Alltagsstreß abzustreifen …

Eine gute Stunde verging, bei der die ruhige, kraftvolle Atmosphäre überwog, keine Langeweile aufkam. Manche hatten zu später Stunde die Kirche wieder verlassen, andere, konnte man beim Hinausgehen sehen, waren geblieben, hatten sich aber in die Kirchenbänke gelegt. Auch das war gewollt, auf den Emporen waren extra Liegeplätze eingerichtet. An die 60 Besucher waren abends und auch nachts dabei, zwei Personen hatten den bis in die Morgenstunden gehenden Marathon sogar im ganzen erlebt. Musik einmal ganz anders, ohne Applaus, Handyklingeln, Dazwischenreden …
6. September 2026, Wolfram Quellmalz
Die nächste Abendmusik XXL gibt es am 3. Oktober mit Joseph Haydns Oratorium »Die Schöpfung« (Kantorei Leuben, Sonans Orchester, Solisten). Eintritt frei, um Spenden wird gebeten