Xaver Schult im Orgelkonzert an der Dresdner Hofkirche
Man kann schon in jungen Jahren ganz einem Klang oder der Suche danach hingegeben sein. Der Lebenslauf von Xaver Schult, 1994 geboren, verweist früh auf entscheidende Einflüsse und Lehrer (Schweriner Dom, Jan Ernst, Wolfgang Zerer …). Vier Jahre wirkte er an der Evangelischen Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg, bevor er – gerade Mitte zwanzig – an die Marienkirche in Berlin wechselte. Seit 2020 hat er dort eine berühmte Orgel von Joachim Wagner unter Händen und Füßen – auch dieser »Umgang« mag prägend sein.
Am Mittwoch gastierte Xaver Schult m Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ an der Silbermann-Orgel der Hofkirche. Sein Programm war nicht nur auserlesen, sondern »überzeitlich« delikat präsentiert, denn es verharrte durchaus nicht nur bei Musik der Silbermann-und-Bach-Zeit.

Von Nicolaus Bruhns sind nur wenige Werke überhaupt erhalten. Dennoch gilt er ob deren Kunstfertigkeit als einer der größten Komponisten in seinem Fach. Sein Präludium G-Dur folgt in Aufbau und Bezeichnung der norddeutschen Tradition, heißt: der Name suggeriert ein kleines Vorspiel – die Untertreibung! Denn was Xaver Schult hier funkeln ließ, offenbarte technisch wie im geschmackvollen Spiel höchste Ansprüche. Der aufwärts gerichtete Charakter des Beginns war zudem eine schöne Eröffnung des Konzerts und fügte filigranes Spiel, den durchsichtigen Klang einzelner Register besonders in der ersten Fuge und den durchsetzungsstarken Charakter im von Gottfried Silbermanns Pfeifenwerk in der zweiten stimmig zusammen.
Auch in Dieterich Buxtehudes Passacaglia d-Moll (BuxWV 161) bewies Xaver Schult eine ausgewiesene Gestaltungskultur. Das Thema begann sanft, ließ einzelne Register glitzern, variierte danach klangkräftig. Der Abschluß schien in der Sanftheit zum Ausgangspunkt zurückzukehren und das Thema auszuklingen zu lassen.
Xaver Schult verweilte noch ein wenig in der Silbermann-Zeit, obwohl man geneigt war, dies bei der Choralfantasie »An Wasserflüssen Babylon« von Johann Adam Reincken zu vergessen. Sie war nicht nur eine Bereicherung in melodiöser Hinsicht und der enthaltenen Variationsbreite, sondern nahm mit ausgesprochen anschmiegsamen Verläufen einen romantischen Charakter voraus. Dabei schloß die Entwicklung einen schier endlosen Verlauf mit Steigerung ein, bis das Thema mit einem Mal fast zart, als wasserklarer Quell, wieder ohne schmückendes Beiwerk hervortrat.
Schien das Repertoire bisher dezidiert auf die Entstehungszeit der Orgel konzentriert, wagte Xaver Schult mit René Viernes Kleinem Zwischenspiel »Ave Maris Stella« einen »Ausbruch« in ganz andere Gefilde, die Französische Romantik. Unpassend? Weit gefehlt! Denn der Organist stellte Reinckens Vorgriff originale Romantik nach, wiederum geschmackvoll eingerichtet, so daß sie, dunkel schimmernd zunächst, dann irisierend und mit hervorgehobenem Tremolo, auch in der Hofkirche klingen konnte. Da war keine Gefahr, daß etwas verschwämme oder sich überschlüge!
Eine Bearbeitung von Georg-Friedrich Händels Wassermusik Suite III (HWV 350) war ein erfrischender konzertanter Ausflug, hatten sich die bisherigen Stücke doch meist an einer Liturgie orientiert. Nun spielte die Orgel wie ein Orchester mit Streichern und Bläsern auf.
Noch im letzten Werk bot Xaver Schult eine kleine Überraschung: Johann Sebastian Bachs Pièce d’Orgue (BWV 572) nehmen Organisten gern an den Anfang, als »weckendes« Schmuckstück in der Vesper ist es ebenso beliebt, als krönenden Abschluß erlebt man es dagegen kaum. Schließlich birgt das Stück einen öffnenden Charakter (Très vitement), bevor es sich in majestätischer Höhe (Gravement) präsentiert. Xaver Schult bewies noch einmal die gediegene Tonkunst, einen Klang wirken zu lassen und die Register so einzuteilen, daß sie sich im Raum entfalten konnten. Insofern grüßte das abschließende Lentement gelassen von weit oben und ließ hoffen, daß der Organist bald wieder eingeladen wird.
30. April 2026, Wolfram Quellmalz
Auch im nächsten Konzert des Dresdner Orgelzyklus‘ in der Hofkirche ist besonderes zu erwarten: Gereon Krahforst, den wir im vergangenen Jahr in der Kreuzkirche bewundert haben [unser Bericht: https://neuemusikalischeblaetter.com/2025/11/06/rheinischer-frohsinn-und-musik-auf-dem-sprung/], spielt am 20. Mai Bachs Goldberg-Variationen auf der Silbermann-Orgel.