Die Vielfalt der Chormusik

VICA Ensemble in Altleubnitz

Das VICA Ensemble ist in Dresden insofern zu Hause, daß es sich hier kristallisiert hat, sein Leiter Richard Stier an der hiesigen Musikhochschule studiert. Tatsächlich reichen die Verbindungen aber weit bis nach Süd-, West- und Norddeutschland – einige Mitsänger kannten sich bereits aus Windsbach, wo Richard Stier im Knabenchor aufgewachsen ist, weitere kamen hinzu. Daher kann sich das Ensemble nicht wie andere allwöchentlich zu Proben treffen, sondern bereitet Projekte konzentriert vor. Im Moment ist das VICA Ensemble wieder unterwegs und war zum zweiten Konzert in der Kirche Dresden-Altleubnitz zu Gast. Neben a-cappella-Chormusik erklang die vor wenigen Jahren sanierte Jehmlich-Orgel.

Die Vielfalt des Chorgesangs bildete das VICA Ensemble nicht nur in den Sprachen, Entstehungszeiten oder zwei Teilen (geistlich und weltlich) ab, sondern in der Gestalt zwischen artifiziellen Kunstliedern und Chorälen oder dem Volksliedgut nahestehenden Titeln.

Das VICA Ensemble mit Dirigent Richard Stier in der Kirche Altleubnitz, Photo: NMB

Nikolaus Branny, der als Pianist bereits einige Bekanntheit errungen hat, begleitete das Programm an der Orgel und sorgte mit dem Allegro moderato maestoso (Opus posthum) von Felix Mendelssohn, der im Chorteil eine große Rolle spielte, für einen festlichen Einzug mit lebendigem Spiel bis in den Baß – es war schließlich der Sonntag Jubilate, wie Kantorin Elisabeth Hoyer in ihrer Begrüßung erinnerte.

So waren nicht nur die geistlichen Stücke ein wenig auf diesen Sonntag, den Frühlingsmoment und die Zeit vor Pfingsten gewandt. Mit Johann Sebastian Bachs Choral »Jesu meine Freude« sorgte Richard Stier für einen innigen Auftakt. Die letzte Strophe aus Bachs Motette (BWV 227) »Weicht, ihr Trauergeister« sollte den sakralen Programmteil später beschließen. Schon hier zeigte sich eine Eigenart des mehrfach ausgezeichneten VICA Ensembles: einerseits betont die Geschlossenheit des Chores die Innigkeit vieler Stücke, andererseits bleibt VICA ein Vokalensemble aus individuellen Stimmen, die manchmal hervortreten. Nicht nur solistisch oder im Soprantrio, sondern auch flankierend, also an den »Rändern« der Stimmen, den Chor gerade im Sopran und Baß einfassend. Diese Qualität und Individualität der einzelnen gehört zu den Stärken, auf die Richard Stier aufbaut. So waren mehrfach besonders hohe Soprane zu hören (Mendelssohn: »Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren«, Urmas Sisasks »Agnus Dei«), die sich mühelos und in Reinheit in die obersten Lagen schwingen konnten.

Altleubnitzer Impressionen, Photo: NMB

Auf solcher Basis ließen sich Werke geradezu hymnisch steigern, wie Johann Walthers Motette »Nun bitten wir den heiligen Geist«, in der sich die Polyphonie wohlgestaltet entfaltete. Aber auch das Laudate Dominus von Urmas Sisask, über vierhundert Jahre später entstanden, entwickelte seine Kraft und fokussierte auf den Schluß im »Amen«. Diesen Effekt, daß sich Stimmen wandeln, übereinanderliegen, aber am Ende kraftvoll einem Zentrum zustreben, konnte man mehrfach erleben, so lief das »Agnus Dei« vonUrmas Sisask eindrucksvoll auf »Dona nobis pacem« aus, bei dem außerdem die Stimmen nach und nach wegfallen, vereinzeln – wie ein auslaufendes Geläut von Kirchenglocken!

In beiden Konzertteilen, geistlich wie weltlich, waren aber auch schlichte, dem Volkslied nahe Titel vertreten, wie das Kirchenlied »Mein schönste Zier und Kleinod bist« oder Felix Mendelssohns »Ruhetal«. Überhaupt waren die weltlichen Lieder nicht weniger berührend, schlossen sie doch solche Kleinode ein wie Johannes Brahms‘ »Wenn ich ein Vöglein wär« und »Rosmarin«. Mit Einojuhani Rautavaara »El grito« (Der Schrei), Lajos Bárdos‘ »Szeged felöl« (Über Szeged) standen spanische und ungarische Texte auf dem Programm, Francis Poulencs »La blanche neige« (Schneewittchen) paßte besonders in die märchenhafte Sonntagsstimmung.

Applaus für den Organisten Nikolaus Branny (links im Bild), Photo: NMB

Nach dem festlichen Einzug hatte Nikolaus Branny mit einer stimmungsvollen Pastorale von Max Reger für eine Überleitung gesorgt, noch kraftvoller, lichter und überraschender (weil unbekannter) gelang »Fiat lux« von Théodore Dubois am Beginn des weltlichen Liedteils. Dem Publikum war eine kleine Verlängerung nur recht, deshalb gab das VICA Ensemble »Oh Täler weit, oh Höhen« (noch einmal Mendelssohn) zu.

27. April 2026, Wolfram Quellmalz

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