Von Nachtigallen, Schwänen, Kuckucken und Hüttensängern

Kreuzvesper mit dem Kammerchor Pesterwitz

Für den Beginn der Trinitatiszeit hatten Leiterin Anne Horenburg und ihr Kammerchor Pesterwitz ein Programm voller Vogelstimmen für die Dresdner Kreuzvesper zusammengestellt. Passend zum Frühjahr, denn noch bis in den Sommeranfang kann man zahlreiche Vögel singen hören, bevor sie mit dem Hochsommer zumindest ihren Gesang einstellen – das Spektakeln der Spatzen bleibt uns dann (hoffentlich) noch enthalten.

Kreuzorganist Holger Gehring unterstützte dieses Ansinnen nicht nur mit passend gewählten Titeln, sondern indem er eingangs über »Geh aus, mein Herz, und suche Freud« phantasierte – nach dem Einzug schloß der Kammerchor Pesterwitz übergangslos und a cappella mit dem Paul-Gerhardt-Lied im Satz von Rudolf Mauersberger (»Geistlichen Sommermusik«) an. Der Chor fiel schon hier mit einem verhältnismäßig großen, geschlossenen Klang auf.

Der Kammerchor Pesterwitz in der Kreuzvesper am vergangenen Sonnabend, Photo: Kreuzkirche Dresden

Das ermöglichte es ihm, die Stimmen weit aufzufächern und zu verteilen. Für Felix Mendelssohns »Die Nachtigall« (Opus 59, Nr. 4) traten zunächst die Frauenstimmen hervor, bevor der kurze Text in der Wiederholung vom Sopran bis in den Baß erklang.

Holger Gehring hatte am Thema der Vogelstimmen offenbar Freude gefunden und steuerte einige Stücke auf der großen Jehmlich-Orgel bei, beginnend an dieser Stelle mit der Fuga in C »Nachtigall« von Johann Pachelbel. Später folgten Johann Buttstett Präludium und Fuge in C und das Capriccio sopra il cucu von Johann Caspar Kerll. Vor allem die dezidiert mit Vogelstimmen ausgestatteten Stücke zwitscherten fugiert zu zweit, zu dritt und dann in einem Vogelchor. Während bei Pachelbel das Tirilieren allein schon entzückend war, steigerte Holger Gehring die Kuckucke von Johann Caspar Kerll mit einem Zimbelstern im Abschluß. Johann Buttstett konnte man mit einem dunkel getragenen Präludium näher kennenlernen, aus dem sich die Fuge hell funkelnd erhob. Während sie eindeutig auf die Händelzeit verwies, war der Beginn modern und hätte ein viel späteres Datum vermuten lassen können.

Der Kammerchor Pesterwitz beschränkte sich in seiner Rolle nicht auf das Singen einer Vogelbotschaft, sondern war selbst mannigfaltiger Klanggestalter. In Charles Villiers Stanford »The blue bird« (Opus 119, Nr. 3), womit man im anglikanischen Sprachraum im allgemeinen die Hüttensänger (aus der Familie der Drosseln) meint, malte er zunächst im tiefen Blau eine Dämmerungs- oder Nachtszene am See aus, in der hohe Soprane und tiefe Bässe abhoben und Konturen zeichneten. Diese Möglichkeit, die Stimmgruppen noch zu teilen bzw. extreme Höhen und Tiefen zu erklimmen, zeigte sich mehrfach. Die Geschlossenheit der Gruppe wurde dabei nicht aufgehoben.

Ein wenig überraschend war Zoltan Kodalys »Bergnächte«, bei dem mancher vielleicht im Vesperprogram den Text suchte, doch werden hier nur »Ah«-Vokale und Summlaute gesungen, die in der Ruhe zu schweben schienen. »Vasara« (Sommerzeit«) von Ornuté Narbutaité überbot dies spielend in der Lebhaftigkeit, denn hier mußte der Chor neben dem Text auch Schnatter- und Flattergeräusche intonieren. Wurde das Getier dabei neben dem Kuckuck um Bienen, Frösche oder Muscheln erweitert, hatte sich Rudolf Mauersberger mit »Bitte« (Zyklus »Erzgebirge«) ganz besonders der Amsel zugewandt.

Das Programm blieb vielsprachig, bezog mit Orlando Gibbons den legendären Gesang der Schwäne ein (»The silver swan« mit Solo), bevor »Le chant des oiseaux« (Der Gesang der Vögel) von Clément Janequin den beschwingtesten Rhythmus erreichte und die Umtriebe des Kuckucks aufs Korn nahm.

»Ein Singen und Zwitschern und Tirilieren« attestierte Pfarrer Holger Treutmann dem Programm in seinem Wort zum Sonntag und ging auf Leben und Schaffen Paul Gerhardts ein, dessen Text am Anfang der Vesper gestanden hatte. Gerhardt war am gleichen Tag vor 350 Jahren verstorben. Er hatte immer wieder die Natur in seinen Texten aufgegriffen, aber auch sich selbst (bzw. die Sänger) ins Verhältnis zu Geschehnissen gesetzt, wie im Choral »Ich steh‘ an Deiner Krippen hier«.

Der geschlossene Eindruck blieb dem Kammerchor Pesterwitz bis zum Ende in einem weiteren Auszug aus Rudolf Mauersbergers Geistlicher Sommermusik (»Schönster Herr Jesu«) erhalten.

7. Juni 2026, Wolfram Quellmalz

Die kommende Kreuzvesper gestaltet die Meißner Kantorei 1961 (Leitung: Georg Christoph Sandmann, Orgel: Joseph Klötzer, Liturg: Pfarrer Holger Milkau). Es erklingt Heinrich Schütz‘ »Herr, auf dich traue ich« sowie Werke von Hugo Distler, Louis Vierne, Benjamin Britten, Günter Neubert, Wolfram Buchenberg, Johann Hermann Schein und Vytautas Miškinis.

Hinterlasse einen Kommentar