Dan Zerfaß im Dresdner Orgelzyklus
Es war nicht der alliterative Zusammenhang, den Dan Zerfaß aus Worms nach Weimar verschlagen hat, sondern zwei Stücke, die der Domorganist früher schon geschätzt hat, erst beim Hören, dann beim Spielen: Johann Gottlob Töpfer Sonate d-Moll und Franz Liszt Fantasie und Fuge über den Choral »Ad nos, ad salutarem undam«. Beide Komponisten waren einst (zu unterschiedlichen Zeiten) in Weimar tätig, womit außerdem die Gegenüberstellung von Hof- und Stadtkirche nahelag. Jetzt trafen sie sich quasi im Orgelkonzert am Mittwoch in der Dresdner Kreuzkirche.

Johann Gottlob Töpfer war als Organist der Stadtkirche in Weimar ein Nachfolger Johann Gottfried Walthers. Als am wenigsten bekannter Komponist des Programms war die Sonate d-Moll von Töpfer die wohl größte Entdeckung des Abends, die mit Fanfarenmotiven und in Kaskaden gefächertem Klang bereits manches vorklingen ließ. Nicht nur in bezug auf die üppige Registrierung, sondern auch auf andere Werke. Das Andante schien einer Mondscheinsonate zu entstammen, das Finale mit seinen Steigerungen verwies vielleicht auf etwas, was für Johann Gottlob Töpfer typisch war: anspruchsvolle Musik – beanspruchend vor allem für die Orgel. Denn er nahm oft Instrumente ab und wählte Stücke, bei denen man hören konnte, ob der Orgel die Luft ausgeht. Sozusagen Étuden der anderen Art.
Töpfers Amtsvorgänger Johann Gottfried Walther, ein entfernter Verwandter Bachs, hatte einst viele italienische Stücke für die Orgel eingerichtet, aber auch eigene Concerti geschrieben. Eines davon, in G-Dur, setzte – ebenso Orgelabnahmetauglich – Flötenregister solistisch und Orchesterstimmen wirkungsvoll in Szene. Einen Strophencharakter hatte Walther ebenso eingebunden wie hübsche Variationen, Dan Zerfaß streifte am Beginn in seiner Registerwahl sogar impressionistische Stimmungsbilder, das Vivace klang seiner Charakterisierung gemäß munter aus.
Von Johann Sebastian Bach (für einige Jahre Organist der Hofkirche Weimar) stand die Choralbearbeitung »An Wasserflüssen Babylon« (BWV 653b) auf dem Programm, die Dan Zerfaß in den Registern ausgesprochen dialogisch betonte. Trotzdem war Bach (diesmal) nur eine Überleitung oder ein Vorgeschmack, denn ein einziges Stück sollte die gesamte zweite Programmhälfte bestreiten.

Franz Liszts Fantasie und Fuge über den Choral »Ad nos, ad salutarem undam« hob den Klang auf viele Ebenen. Wie in Schichten ergab sich ein Bild, bei dem nicht Motive, sondern Farben, Konturen und Übergänge wichtig schienen.
Mäandernd band Liszt die Choralpassagen ein, dessen Thema (in Liszt Umformung) immer deutlicher heraustrat. Dennoch war es nicht allein bestimmend oder führend, sondern von vielen Effekten eingeschlossen. Daß Franz Liszt hier auf der Suche nach einem Klang gewesen ist bzw. das Orchester in die Orgel übertragen wollte, konnte man nachvollziehen. Dennoch erweckte manche Passage den Eindruck von Filmmusik.
11. Juni 2026, Wolfram Quellmalz
In der kommenden Woche spielt Sebastian Heindl (Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin) im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ neben Bach und Prokofjew eigene Werke und wird improvisieren (17. Juni, 20:00 Uhr, Kulturpalast).