Apollo’s Cabinet in der Pillnitzer Weinbergkirche
Der Saisonabschluß der Reihe Meisterwerke – Meisterinterpreten lockte die Besucher am Sonntag traditionell in die Pillnitzer Weinbergkirche. Ebenso traditionell war dem Anlaß blendendes Wetter beschert. Das verhinderte jedoch nicht eine verzögerte Anreise des eingeladenen Apollo’s Cabinet wegen eines verspäteten Fluges. Ob »Apollo« für den Asteroiden, den Gott des Lichts, des Frühlings, der Weisheit und der Künste oder (von diesem abgeleitet) für einen perfekten Jüngling steht – durch welche »Brille« man es betrachtet (und behört): für Apollo’s Cabinet hätte man auch eine größere Verzögerung in Kauf genommen! Zumal Eva Dollfuß (Violine) und Matthias Wilde (Violoncello) vom veranstaltenden Verein die Zeit mit einem kleinen Vorkonzert überbrückten.

»Murders, drinking songs, Cinderella stories […] candlelit rituals […] driven programmes of Apollo’s Cabinet« (Krimis, Trinklieder, Märchenerzählungen und Rituale bei Kerzenschein) beleben nach eigenen Aussagen die Programme von Apollo’s Cabinet. Die fünf Musiker haben sich an der Guildhall School of Music & Drama in London gefunden und wollen mehr bieten als die Aufführungspraxis eines Barockensembles. Das »Spiel«, ob historisch informiert oder aktuell verwurzelt, hat bei ihnen viele Ebenen und schließt noch mehr als nur singende Instrumentalisten ein, das machte schon der fröhliche Einzug zu mit einem Marsch Friedrichs des Großen deutlich. Nebenbei: trotz drinking songs können Apollo’s Cabinet auch auf schöne Weise singen und beherrschen deutlich mehr als Kneipenlieder.
Friedrich der Große diente außer dem Wein des Weinberges als Hintergrund des Programms, das sich an seiner Geburtstagsfeier 1758 »entzündet« hatte. Schließlich war der auch der Alte Fritz genannte Herrscher trotz aller Widrigkeiten und Wirrnisse in Person und Familie ein Kunstliebhaber, der seine Neigung wenigstens in der Musik auslebte. Da war es naheliegend, reizvolle Werke von Johann Gottlieb Graun, Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Joachim Quantz und Georg Philipp Telemann um ihn zu versammeln – nicht wenige der Komponisten waren zuvor in Dresden gewesen! Natürlich durfte Johann Sebastian Bach mit einem Auszug aus dem Musikalischen Opfer nicht fehlen – in der Fassung mit Flöten und Violine schienen die ausgewählten Canons ausgesprochen elegant!
Apollo’s Cabinet bezog aber auch das Publikum mit einem historischen Spiel von Johann Philipp Kirnberger ein: Der hatte schon im achtzehnten Jahrhundert einzelne Takte angefertigt, die nach den Würfen von Würfelspielern zu Polonaisen zusammengesetzt wurden. Also liegen nicht nur die Ursprünge der Subtonalen Musik in der Renaissance, auch Cage und Ligeti waren nicht die ersten, die Aleatorik in die Musik einsetzten!

So durfte das Publikum in der Pause je fünf Zahlen, die für jeweils einen Kirnberger-Takt standen, würfeln, Teresa Wrann, Jonatan Bougt Theorbe und Thomas Pickering wählten daraus drei Beispiel per Los aus und sandten die zu den gewürfelten Zahlenfolgen gehörenden Takte via QR-Code an die iPads, so daß die Spieler jeweils die frisch zusammengesetzten Noten vor sich hatten. Auf diese Weise erklangen Kompositionsentwürfe, die unter anderem unter Pseudonymen wie »Jean-Luc Picard« und »Rosenduft« abgegeben worden waren. Die Polonaisen, teils im Charakter von Intermezzi oder Divertimenti, bewahrten einen vergnüglichen Charakter.
Das vergnügliche liegt Apollo’s Cabinet offenbar sowieso im Blut, in den Bögen, Stimmen, Saiten … Teresa Wrann (Blockflöte) und Thomas Pickering teilten sich übriges ein Instrumententischchen, denn der Cembalist spielte diverse Flöten, wenn er nicht an den Tasten saß. Seine Traversflöte lag sozusagen als »Trenner« zwischen den Blockflöten in vielen Größen und Bauformen für unterschiedliche Tonhöhen und Klangfarben.
Eigentlich war es absehbar, daß Apollo’s Cabinet keine feste Formation bilden, sondern die Stimmen in den Werken flexibel verteilen, was auch – gerade bei verknüpften Stücken – gern einmal einen Umschwung mittendrin auslöst. Die solistische Violine von David Lopez Ibanez war also nicht immer im Vordergrund, den geschmeidigen Klang der Viola da gamba setzte Harry Buckoke einmal pointiert im Pizzicato ein. Jonatan Bougt spielte die Barockgitarre mal in den Basso continuo eingebunden, dann wieder perkussiver hervortretend.
Mit einem Trinklied à la Carl Philipp Emanuel Bach und einem volkstümlichen Capriccio von Dieterich Buxtehude verabschiedete sich Apollo’s Cabinet für diesmal, dürfte aber eine große Chance auf Wiedereinladung haben.
8. Juni 2026, Wolfram Quellmalz
Tip: Die Programme des Quintetts sind auf verschiedenen CDs festgehalten. Auf der Seite von Apollo’s Cabinet gibt es aber auch zahlreiche Videos und Klangbeispiele.