Feuer der Jugend

Dresdner Philharmonie mit Bruckners zweiter Sinfonie

Mancher Besucher bedauerte am Wochenende das Ausbleiben von Christoph Eschenbach im Kulturpalast, der das Konzert bei der Dresdner Philharmonie krankheitsbedingt kurzfristig absagen mußte. In den vergangenen Jahren hatte Eschenbach schließlich für mehr als nur die eine oder andere Sternstunde gesorgt, zuletzt mit Beethovens erster und Bruckners siebenter Sinfonie in der Spielzeit 2024 / 25. Doch war es dem Orchester in der Kürze der Zeit gelungen, mit Robert Treviño nicht nur einen namhaften Ersatz zu finden, sondern einen, der Anton Bruckners zweite Sinfonie bereits mehrfach aufgeführt hat.

Robert Treviño gab der späteren, 1877 überarbeiteten Fassung gegenüber der ursprünglichen von 1872 den Vorzug. Generell läßt diese Zweite noch stärker klassische Anklänge erkennen als die späteren Werke, aber auch schon typisch Bruckner‘sche erahnen, lehnt sich außerdem harmonisch manchmal bei Wagner an – kein Wunder, bedenkt man die Entstehungszeit. Allerdings konnte man am Sonnabend außerdem andere »Zeitanklänge« entdecken.

Kurzfristiger Einspringer: Robert Treviño, Photo: © Mark Allan

Fast schon jugendlich kam Bruckners zweite Sinfonie daher, selbst wenn die Jugend des Komponisten zur Zeit seiner ersten Sinfonieversuche und der in c-Moll (WAB 102) an sich bereits verblüht war – innerlich hatte er offenbar Nachholbedarf. Aufgeweckt, von den Violoncelli angeregt, mit der Oboe (Armand Djikoloum) darüber, stürmte sie moderat los – den Holzbläsern gab Bruckner hier noch einige solistische Kantilenen auf, während er später Stimmen und Klang stärker verschmolz, eher die Gruppen wirken ließ. Der Orchesterglanz wirkte samtener, weniger wuchtig. Nach dem erfrischten Auftakt leitete Robert Treviño eine goldbronzene Abenddämmerung über der gemach klingenden Pauke (Mihály Kaszas) herein – erst am Satzende durfte sie mit einem ordentlichen Wirbel für Furor sorgen.

Luftige Wechsel prägten den ersten Satz (wie später den letzten) mit einem Flötenduo (Marianna Julia Żołnacz und Akademistin Lydia Küllinger), das im Stakkato eloquent wie ein Trio klang – mit den eilenden Pizzicati der Streicher erinnerte das gar an Tschaikowski! Die Überlagerung der Holzbläser im zweiten Satz wiederum wiesen eher in Richtung Mahler-Lied. Doch solche Episoden währten eher kurz, die Hörner im eleganten Piano kehrten zu einem typischen Bruckner-Klang zurück. Insgesamt flexibel in der Anlage wie im Klang – da lag das Attribut der Jugendlichkeit berechtigt nahe.

Das Scherzo begannen die Streicher geradezu scharfkantig – Robert Treviño mag offenbar die kräftigen, schroffen Kontraste lieber, was die ebenso kantigen (präzisen) Einsätze von Trompeten und Posaunen offenbarten. Solche Schroffheiten wußte der Dirigent aber auch weich aufzulösen. Derart vorbereitet ließ er das Adagio gemächlich laufen, zunächst mit einem einzelnen Hornruf, dann in der Gruppe. Mit der abnehmenden Härte der Kontraste ließ indes die Spannung ein wenig nach. Sie baute sich mit den Anstiegen nur teilweise auf – daß die drei nachgeschlagenen Noten am Ende des Andante folgen würden, war an der Bogenhaltung der Streich zu erkennen, aus dem Verlauf zu ahnen jedoch nicht.

Mit dem jugendlichen Schwärmen der Violinen im Finale war die Spannung jedoch sofort wieder da, auch gelang der Übergang in ein jetzt wieder (bereits) typisches Bruckner-Tutti meisterlich. Nicht nur ein »gebirgiger«, skulpturaler Klang, sondern ein dynamisch drängender und mitreißender!

Mit einem Mal traten die kantigen, klar abgezirkelten Kontraste ebenso wieder hervor wie das jugendliche Feuer, das schon das Moderato zu Beginn erhellt hatte. Ein Feuer, zusätzlich vom Fanfarenmotiv der Trompete durchbohrt, das Robert Treviño jedoch sanft ausgleiten lassen konnte. So erfrischend und mitreißend hatte Anton Bruckners zweite Sinfonie einen fast gegenteiligen Effekt gegenüber dem gewohnten: folgt seinen Werken sonst oft eine andächtige Ruhe nach dem Schlußton, bevor der Applaus losbricht, feierte das Publikum fast mit dem letzten Akkord die Darbietung à la Beethoven.

26. April 2026, Wolfram Quellmalz

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