Collegium 1704 zelebriert Alessandro Stradellas Oratorium »San Giovanni Battista«
(Wegen der vorrangigen Berichterstattung für die Tageszeitung erfolgt diese Veröffentlichung leider verspätet.)
Was das Publikum am Mittwoch in der Dresdner Annenkirche erlebte, ist nicht mit den Bach’schen Oratorien oder Passionen zu vergleichen, wie sie zu Weihnachten oder in der Passionszeit aufgeführt werden. Zehn Jahre vor Bachs Geburt entstanden, erweist sich »San Giovanni Battista« eher als ein Vorläufer der späteren Händel‘schen Oratorien – er junge Komponist hatte die Form während seiner Italienaufenthalte kennengelernt.
Alessandro Stradella (Musik) und Ansaldo Ansaldi (Text) schildern in ihrem Werk die Ereignisse der Gefangenname und des Todes Johannes des Täufers nach dem Markus-Evangelium. Ohne Turbachöre (Volk), Erzähler oder eine abschließende Moral – eher im Gegenteil endet das Werk nicht nur inhaltlich im Zwiespalt zweier Hauptfiguren, es reißt musikalisch auf einer Dominante geradezu ab – alles offen also, kein »Richtspruch«, erst recht kein gutes (gewendetes) Ende.
Fünf handelnde Personen, nicht nur dramatische, sondern Figuren der Zerrissenheit, der Liebe, des Zorns – dafür braucht man explizierte, emotionale Darsteller. Die fand Václav Luks auch diesmal. Doppelt gut, denn da es in Stradellas Werk kein Volk und keine anderen Gruppen gibt, war das Collegium Vocale 1704 einmal nicht mit angereist – fast schon schmerzlich. Doch den »Schmerz« bügelten das Collegium 1704 und die Sänger spielend aus. Das Collegium schon in seiner interessanten, doppelten Aufstellung, da der fortschrittliche Stradella das Orchester in Concertino und Concerto grosso geteilt hatte. So gab es nicht nur eine blühende Ausgestaltung der ohnehin an Gefühlsaufwallungen reichen Arien, auch im Accompagnato, im Arioso oder für ein schlichtes Basso continuo standen zwei Lauten und eine Harfe zur Verfügung, ebenso wie Orgel und Cembalo einzeln besetzt waren.
Unter den Sängern gab es ein Wiederhören mit Luigi De Donato, der mittlerweile dritte große Auftritt im Rahmen der Musikbrücke Prag – Dresden. Diesmal als Herode – ein gigantisches Erlebnis! Denn der Baß mit der kernigen Stimme, der »oben« wie »unten« melodisch bleibt, kann zornig toben, daß die Funken stieben. Herode ist ein herrschsüchtiger, unbeherrschter König. Und ein unsicherer – er ist sich der Niederlage, seiner Schwäche, Gefühlen zu unterliegen und sich beeinflussen zu lassen, bewußt. Seine Tochter Salome ist mehr als nur ein Gegenentwurf. Verführerisch und mit überbordender stimmlicher Schönheit feierte Sopranistin Francesca Pia Vitale ihr Dresden-Debüt. Salome ist es, die am Ende strategisch befeuert den Vater drängt, Giovanni (Johannes) zu ermorden. Dabei hatte sie doch zunächst in einer der schönsten Arien Stradellas überhaupt (»Sorde Dive, ch’ai mortali« / »Ihr tauben Göttinnen«) scheinbar all ihre Liebe und Hingabe zum Ausdruck gebracht. Francesca Pia Vitale verfügt nicht nur über einen runden, klingenden »Grund«, sie weiß auch in oberen Lagen zu forcieren. Wenn sie dann ihr Vibrato einsetzt, klingt das wirklich nach Himmelshöhen – es sollten aber Abgründe werden, in die Giovanni (und eigentlich ebenso Herode) stürzen.
Wobei man nicht vergessen darf, daß Salome von der Mutter Herodes‘ angestiftet wird. Giuseppina Bridelli übernahm die Rolle mit dunkler Leuchtkraft und feinen Piani. Ein anderes Wiederhören gab es mit Alex Potter, dessen geschmeidiger Countertenor San Giovanni Battista ausstattete. Diese Gediegenheit paßte wunderbar zum in sich gefaßten, seiner Überzeugung und seines Glaubens sicheren Johannes. Gestaltungssicher und ausdrucksstark auch deshalb, weil Alex Potter zu jenen Sängern zählt, die nicht nur den Glanz der Arie suchen, sondern rezitativisch überzeugen können, sei es durch stilistische Mittel oder stimmlichen Wohlklang.
Nicht zu vergessen Tenor Luca Cervoni, der als Consigliere in der an sich Nebenfigur seine charakteristische Rolle als zurückhaltender, aber hörbarer königlicher Berater ausfüllte, was nicht zuletzt in den Chören (meist als Coro zu vier Stimmen um San Giovanni) wichtig war. Denn neben den zugespitzten Duetten wie am Ende (Herode / Salome) und Terzetten blieben die teils fünfstimmigen Coro-Teile von den individuellen Stimmen geprägt.

Václav Luks legte alle Gestaltungskraft auf diese Sänger bzw. Rollen, was dem Orchester (diesmal ohne Bläser) alle Virtuosität und Kunst der italienischen Streicher abverlangte. Die Tiefe der Gefühlslagen an Zorn und Liebe wurden hier deutlich. So stellte Herode kurz vor Schluß mit seinem Rezitativ eigentlich eine Frage (Was sind das für Stiche, die meiner Seele zusetzen?), die nicht wirklich beantwortet wird.
23. April 2026, Wolfram Quellmalz
Erst am 17. Oktober geht es in der Annenkirche weiter (Zelenka: Missa votiva). Wer so lange nicht warten möchte, kann das Collegium unter anderem in der Oper Brno erleben (Händel: »Agrippina«). Am 14. Mai ist die Batzdorfer Hofkapelle im Prager Kulturzentrum Vzlet zu Gast.
Fernsehtip: Das Collegium 1704 ist am 11. Mai im Streaming zu erleben!
