Sandra Lied Haga im Meisterkonzert auf Schloß Albrechtsberg
Der Kronensaal des Schlosses Albrechtsberg ist einer der schönsten Kammerkonzertsäle Dresdens. Eine für die Akustik hervorragende Kubatur, der Schmuck von Wänden, Säulen und Decke korrespondiert auf die eine oder andere Weise mit der Musik, dazu kann man den Ausblick in das Elbtal genießen – ideale Zustände.
Am Dienstag nutzte Sandra Lied Haga diese Umgebung für Musik von Johann Sebastian Bach und Zoltán Kodály. »Ideal« waren die Umstände aus ihrer Sicht allerdings nicht, denn die Cellistin hatte sich gerade von einer schweren Grippe mit hohem Fieber erholt – noch vor wenigen Tagen stand eine Absage, Verlegung oder Umbesetzung des Konzerts zur Disposition.
Glücklicherweise klappte es doch. Sandra Lied Haga änderte das Programm zwar ein wenig, aber das Publikum konnte die Künstlerin, die es bereits beim Moritzburg Festival in Ensembles erlebt hatte, einmal solistisch hören. Die Cellistin erwies sich dabei als zielbewußte Gestalterin mit einem ausgeprägten Sinn für Schönheit, vor allem bei den Suiten Johann Sebastian Bachs.
Zwei davon standen auf dem Konzertplan, die zweite (d-Moll, BMV 1008) und die fünfte (c-Moll, BWV 1011), für die Bach eine Skordatur vorschreibt, also eine andere Stimmung der Saiten des Instruments.
Gleich das erste Prélude ließ Sandra Lied Haga wie singend durch den Raum schweben – nur könnte das keine Sängerin, denn bei Bach reicht die Kantabilität über viele Stimmbereiche zwischen lichter Höhe und sonorem Baß. Sogleich trat die Cellistin als ambitionierte Gestalterin hervor, denn sie betonte nicht Spitzentöne oder Umschwünge, sondern folgte dem von einer Grundschwingung oder Welle getragenem Verlauf der Melodie. Die Allemande verdeutlichte polyphon und kontrapunktisch, wie sich Strukturen lebhaft verselbständigen – flink und leicht wie ein Schmetterling! Sandra Lied Haga beherrscht ebenso die Kunst des Tonausklangs oder hat die Geduld, Saiten nachschwingen zu lassen.
Kaum weniger gestaltet war die Courante, die agogische Finesse verriet, Tempoänderungen, das Abbremsen auf einem Ton, ohne diesen dynamisch anzuheben. Das war technisch nahezu exquisit, nur drängte sich allmählich der Eindruck der Übergestaltung auf, weil einfach jede »Kante« poliert war und der schlichte Glanz einer Fläche noch überarbeitet wurde – gibt es ein zuviel an Schönheit? In dieser Hinsicht schien Bach die (eine) Freiheit zu fehlen, das Loslassen, oder der Mut zum Risiko (?). Sandra Lied Hagas Gestaltungssinn war variantenreich und von feinem Gespür, denn die Cellistin verließ sich keineswegs auf das Herausputzen von Effekten, geriet durch seine Allgegenwart aber dominant.
Neben dem Prélude der ersten gespielten Suite trat auch jenes der nach Bachs Zählung fünften besonders hervor. Dunkel und mit Doppeltönen war sein Charakter nicht nur ganz anders als in der d-Moll-Suite, sondern insgesamt subtiler. Daneben ragten die beiden Gavotten mit ihrem frischen und jetzt auch rhythmisch frei wirkenden Gestus heraus. Impulshaft angetrieben betörte die erste das Ohr, während die zweite wie ein Bienenschwarm summte.

Nach der Pause war ursprünglich Zoltán Kodálys Sonate für Violoncello solo Opus 8 geplant. Wegen der krankheitsbedingt nicht ausreichenden Zeit der Vorbereitung spielte Sandra Lied Haga nur den ersten Satz daraus und schloß Bachs erste Suite G-Dur (BWV 1007) an.
Für den nächsten Besuch kann man der Künstlerin bessere Umstände wünschen, denn ihr Kodály war schlicht phänomenal! Wo Bach bis ins letzte gestaltet, aber »festgehalten« schien, lebte das Allegro maestoso ma appassionato des Ungarn auf und zeigte die differenzierte Vielseitigkeit, welche die Satzbezeichnung versprach. Einnehmend, hingebungsvoll und glühend, elastisch im Klang und emphatisch in der Darstellung erfüllte Kodálys Anfang der Suite den Saal. Mit dunklem Baß (ohne »Aufbereitung«) fundiert und mit einer Lerchenhöhe machte dieser Satz allein schon Lust auf mehr.
Mehr »Vogelgesang« gab es als Zugabe: Pau Casals »El cant dels ocells« (Der Gesang der Vögel).
29. April 2026, Wolfram Quellmalz
Das Moritzburg Festival empfängt seine Gäste vom 7. bis zum 23. August