»Wo Musik zu Heimat wird und Heimat zu Musik«

Uraufführung im Eröffnungskonzert des Musikfestes Erzgebirge

Genaugenommen eröffnete das Musikfest Erzgebirge (MFE) bereits am Freitag, denn an 21 besonderen KlangPunkten entlang verschiedener Routen durch das Erzgebirge gab es mit vier Kammerchören (Ensemble Twentytwo, VICA Ensemble, Kammerchor TASK , Kammerchor Cantamus Dresden) sowie dem instrumentalen ensemble ponticello einen Vorgeschmack. Die Kammerchöre kehrten zur offiziellen Eröffnung am Sonnabend in der Schneeberger St. Wolfgangkirche wieder.

Blick von hinter dem Altar und den Chören in die ausverkaufte St. Wolfgangkirche Schneeberg, Photo: Musikfest Erzgebirge, © Mathias Marx

Die neunte Auflage des MFE hat einen neuen Schirmherrn: Landtagspräsident Andreas Dierks übernahm von seinem Amtsvorgänger sozusagen nahtlos, Landrat Rico Anton (Erzgebirgskreises) ist seit langem Partner des Musikfestes. Das Eröffnungskonzert wurde mit eigenen Kräften gestemmt: Kammerchören aus Sachsen, Kantoreien aus Annaberg-Buchholz (St. Annen), Schwarzenberg (St. Georgen), Gelenau, Thum und Ehrenfriedersdorf, dem Jugendchor der Evangelischen SchulGemeinschaft Erzgebirge sowie der Erzgebirgischen Philharmonie Aue.

Blick in der Gegenrichtung: der optisch geschlossene Eindruck stellte sich auch musikalisch dar, Photo: Musikfest Erzgebirge, © Mathias Marx

Vor fünf Jahren hatte der Intendant des MFE und Dirigent des Eröffnungsabends, Hans-Christoph Rademann, die Idee an den Wilfried Krätzschmar herangetragen, ein Erzgebirgsoratorium zu schreiben. »Wo die Schätze klingen« wurde am Sonnabend uraufgeführt.

Dabei ist den Beteiligten gleich ein mehrfacher Spagat gelungen. So vereint das anspruchsvolle Werk ganz unterschiedliche Stimmen von singenden Schülern bis zu professionellen Instrumentalisten. Für den Komponisten durchaus eine Herausforderung. Schon in der Frühphase hatte Wilfried Krätzschmar festgestellt, daß man schnell ins »Tümeln« verfiele, wenn man sich mit alten Texten und Traditionen befaßt – das wollte er aber vermeiden. Im Gegenteil sollte das Oratorium klar als neues Werk des 21. Jahrhunderts zu erkennen sein, das trotzdem erzgebirgische Wurzeln haben.

Die Solisten Marie Hänsel und Andreas Scheibner, Photo: Musikfest Erzgebirge, © Mathias Marx

Diese Bezugsebenen und -verschlingungen sind durchaus außerordentlich gut gelungen. So hat Wilfried Krätzschmar, bei Martin Luther beginnend, historische Texte und Lieder einbezogen, den Schneeberger Chronisten Christian Meltzer belehnt sowie auf Grußworte des MFE selbst Bezug genommen. Auch die verankerten Melodien, vom »Berglied zu Ehren der Bergstadt Joachimsthal« (1562) bis zum »Herr, der du meine Pfade lenkst« aus dem Bergmännischen Kalender 1791, die noch heute gesungen werden, tragen zur Vermittlung bei – im Fall des letzteren durfte die Gemeinde den Schlußchoral mit neuem Text mitsingen. So gelang auch formal ein Oratorium, das den Glauben einschließt und das Erzgebirge preist, mit Texten, die auf die Bedeutung der Musik im Erzgebirge zielten: »Wo Klänge wohnen, wo Töne Obdach haben, wohlbehaltenes Geschick – Wo Musik zu Heimat wird und Heimat zu Musik.« Wie ein Umkehrschluß zu »Wo man singt, da laß‘ dich nieder, böse Menschen kennen keine Lieder« tauchen mehrfach Gedanken auf und zeichnen das Erzgebirge als einen friedfertigen Ort. Nur bei der Aufzählung unzähliger erzgebirgischer Orte wird das Werk vorübergehend zu kleinteilig.

Im Wechsel wurde dies von den Solisten Marie Hänsel (Sopran) und Andreas Scheibner (Baß) sowie den Chören (Kinderchor, Kammerchor, Gesamtchor) in veränderlicher Aufteilung nicht nur gefühlvoll, sondern emphatisch und mit Hingabe dargeboten. »Wo die Schätze klingen« konfrontiert den Hörer nicht mit atonalem, fremdem Klang, sondern schmiegt sich in vielem an. Einfach ist das Werk gerade hinsichtlich seiner Harmonik und deren Wendungen nicht und für manche – viele der Choristen neben dem Kinderchor sind keine Profimusiker – ungewohnt, wenn nicht vollkommen neu. Doch gerade die Harmonik war wichtig, denn Wilfried Krätzschmar formt beständig Klang, beginnend von der Instrumentalen Einleitung, die Weite und Tiefe darstellt, über Schlagwerke – wie das Schlagen des Erzhammers, aber auch funkelnd und glitzernd wie das kristalline Metall. Fragile wirkenden  Passagen kennzeichnen Unsicherheit, sei es des wirtschaftlichen Bergbaus unter des Lebens unter Tage.

Glückwunsch an den Komponisten, links: Hans-Christoph Rademann, rechts: Komponist Wilfried Krätzschmar, Photo: Musikfest Erzgebirge, © Mathias Marx

Die Solisten zeigten sich in der Rollenfindung souverän, als sei dies die zehnte Wiederauf- und nicht die Uraufführung. Andreas Scheibner spielte seine Erfahrung mühelos aus, während Marie Hänsel in ihrer Arie »Berge, Wälder …« eine ganze Landschaft blühen und im Sonnenglanz leuchten ließ. Dem knapp einstündigen Lob des Erzgebirges hatte ein »Lobgesang« Mendelssohns vorangestanden, jedoch nicht Felix‘, sondern die Kantate seiner Schwester Fanny. Anna-Maria Tietze bereitete das enthaltene Lob des neuen Lebens mit einem beseeltes Rezitativ vor der Sopranarie vor.

6. September 2026, Wolfram Quellmalz

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