KlangWelten mit dem Collegium 1704 in Thalheim
Wenn alle Straßen nach Rom führen, führen vielleicht alle Brücken führten nach Sachsen. Das Collegium 1704 um Václav Luks war beim Musikfest Erzgebirge (MFE) eingeladen, wo es fast Stammgast ist. Zur Musikbrücke Prag – Dresden, die regelmäßig in der Landeshauptstadt Gäste empfängt, kam also die Musikbrücke Sachsen – Böhmen. Sie führte im Grunde nur fort, was bereits zu Zeiten August des Starken üblich war: Brücken aus Frankreich, Böhmen und Italien in die Region. Konkret bildete sich dies in Böhmischer und Neapolitanischer Musik ab.
Die Thalheimer Kirche gehört trotz zweier Emporen, gemessen am Standard des Erzgebirges mit seinen oft prächtigen Dorfkirchen, eher zu den kleineren – perfekt für eine kleine Kammerbesetzung. Die beiden Collegia waren mit nur vier Instrumentalmusikern (Laute, Orgel, Barockcello, Kontrabaß) angereist, deren bekannte Gesichter jedoch bereits den Kern des Collegiums 1704 darstellten. Auch der Chor war etwas knapper als sonst besetzt, wobei die Rollenverteilung sogleich auffiel: Zwar gab es je drei Sänger pro Stimme, doch waren diese nicht immer als Kammerchorformation geschlossen, sondern folgten oft einer individuellen Vielstimmigkeit in den Kompositionen (also »eine Stimme pro Stimme«). Das führte verblüffenderweise weder zu einem »kleineren« noch leiseren Eindruck. Vielmehr wußte das Collegium 1704 die Zuverlässigkeit seiner Stimmen mit Individualität auszufüllen.

Von wegen leise! Eine mächtige Sanftheit, so könnte man treffend die Stimmung und die Musik bezeichnen. Francesco Durantes »Miserere mei, Deus« erhielt vom Instrumentalensemble einen eröffnenden Aufklang, an den sich der Erbarme-Dich-Text anschloß. Getragen und schwebend zunächst, und doch hatte Durante aus dem Erbarmen kein dauerhaftes Lamento gemacht – schon die Beschreibung der »Fülle der Barmherzigkeit« im folgenden Satz war nicht nur lebhaft, sondern fächerte die Einzelstimmen auf. Diese berührende Vielfalt sollte den Abend prägen. Als Programm durchaus kompakt und konzentriert, faszinierte gerade Durantes Komposition mit ihren Klang- und Tonartwechseln zwischen dunkler Intensität und Befreiungsschlägen. Verblüffend, wie sich Schwere und Belebung (»Besprenge mich, Herr, mit Ysop«) verbanden! Zudem wechselte die Besetzung zwischen Kammerchor und Solostimmen, wo nicht nur Aneta Petrasová (Alt), Matúš Šimko (Tenor) oder Tomáš Šelc (Baß) hervortraten, auch im Chor waren die Rollen wie der Sopranistinnen Tereza Zimková und Pavla Radostová wieder verschieden. Pavla Radostová hatte sich für Thalheim auf einen besonders milden Klang eingestellt.
In den KlangWelten (Festivalmotto) folgte nach der Neapolitanischen Musik, die am Sächsischen Hof überliefert ist, eine Komposition von Jan Dismas Zelenka, der selbst als Bassist und Compositeur Teil der Hofkapelle wurde. Seine Statio quadruplex pro Processione Theophorica (ZWV 158) entstanden allerdings noch in Prag.
Die zweichörigen, meist getragenen Teile des Prozessionsganges gehören gleichwohl mit zum schönsten, was in dieser Art geschrieben wurde, und bereits der Anfangsteil entwickelt beim erstmaligen Hören eine Wirkung, der man sich nicht entziehen konnte, als sei es eine Himmelsmusik! Wer bis jetzt noch nicht verführt worden war, wurde spätestens vom sanften »justificatione tuas doce me« (lehre mich deine Gebote) bekehrt. Der zweite Teil der Statio quadruplex fügte zunächst die schlagende Dringlichkeit einer Bitte (Erhöre unsere Gebete) hinzu, später gelang der musikalisch überzeugende Abschluß mild, sanft, stark und kraftvoll im »Da pacem, Domine« (Verleih uns Frieden, Herr).
Noch einmal folgte ein Neapolitanisches Werk, Domenico Scarlattis »Stabat Mater«. Wie bei Durante enthält es viele Affektwechsel, nicht nur zwischen den Teilen, sondern auch auf Wendepunkten in den Versen. Das nun sogar noch reduzierte Collegium Vocale 1704 verband – eine seiner Kernqualitäten – den musikalischen Fluß des durch die Instrumentalisten unterstützten Chores mit einzelnen, daraus hervorgehenden Soli bzw. betonten Oberstimmen. Zudem hatte Scarlatti sein Werk immer wieder durch dynamische Eingriffe belebt, wirksamer gemacht.

Das Publikum der Evangelischen Kirche war von dieser katholisch-liturgischen Musik ergriffen und verharrte nach dem letzten Ton zunächst in Stille. Nach Applaus und Blumen – von MFE-Intendant Hans-Christoph Rademann persönlich überreicht – gab es als Wiederholung und Ausklang noch einmal Zelenkas betörendes ZWV 158.1.
Das Konzert wurde vom MDR für die Kulturradios und weitere europäische Radiostationen übertragen und kann in der Mediathek ADR sounds nachgehört werden.
Konzerttip: heute beim MFE: »Meisterwerke im Erzgebirge entdeckt«, Ensemble Polyharmonique, 19:00 Uhr, Kirche Mildenau, Freitag: »QuerBach« — A Cappella Ensemble SLIXS, 19:00 Uhr, St. Marienkirche Marienberg