Alte Musik in Leubnitz mit prominenten Gästen
Als Konzert mit einem »Live-Podcast« hatte die Alte Musik in Leubnitz das Konzert am Freitag in der alten Kirche auf der Leubnitzer Höhe angekündigt. Gemeint war damit aber keine Radioübertragung oder -aufzeichnung, sondern, daß die Musikwissenschaftler Michael Maul und Bernhard Schrammek vor Ort das vorführten, was sie allsonntäglich im Radio zelebrieren: reden über Bach, über dessen Kantaten vor allem, bevor (oder nachdem) sie gespielt werden.
Im Konzert standen »Liebster Jesu, mein Verlangen« (BWV 32), »Ich geh und suche mit Verlangen« (BWV 49) sowie »Selig ist der Mann« (BWV 57) auf dem Programm, drei Kantaten, die vor genau dreihundert Jahren, zwischen Dezember 1725 und November 1726 entstanden waren – eine Hoch-Zeit Bachs, der damals, in seinem dritten Jahr als Thomaskantor, gewissermaßen eine neue Blütephase erreicht hatte. Michael Maul und Bernhard Schrammek verwiesen auf die historischen Hintergründe, machten aber auch von ihrer Begeisterung über Bachs Produktionskraft und Einfallsreichtum keinen Hehl. Man muß die beiden mögen – oder eben nicht. Denn so erhellend manches ist, gehört ein wenig Selbstinszenierung dazu, nicht nur Bach, sondern die eigene Begeisterung vermitteln. Viel Geplauder, Albernheiten, Anekdoten, Witze …
Trotzdem war manches interessant, wie die Gattung der Dialogkantaten, auf die sich das Programm konzentrierte, weshalb Michael Maul und Bernhard Schrammek gerade auf deren Aufbau und die Funktion der beiden Stimmen fokussierten. In der Regel seien dies Sopran als Seele und Baß als Jesus, aber manchmal bräche diese Rollenverteilung auf oder würde um eine zutiefst menschliche, weltliche Komponente erweitert. So seien die Kantaten in vielem opernhaft (obwohl Bach nie eine Oper geschrieben habe) und mit Texten versehen, die auch für Liebesszenen oder Operetten geeignet seien.
Eine ganz andere Komponente oder Ebene der Wahrnehmung bot die Altleubnitzer Kirche mit ihren biblischen Darstellungen in den Kassetten der Decke sowie der Seitenempore. Zudem enthält, wie die Sopranistin und Muttersprachlerin Tehila Nini Goldstein bemerkte, die Haube der Kanzel hebräische Worte über das Alpha und Omega (Anfang und Ende des Lebens) – ein Text, der in den Kantaten direkt aufgegriffen wurde.
Nach einer guten halben Stunde der Einführung wurden die Dialogkantaten schließlich präsentiert. Tehila Nini Goldstein und der Bassist Anton Haupt wurden vom Collegium Musicum ’23 begleitet (erste Violine und Leitung: Nadja Zwiener). Die Opernhaftigkeit wurde dabei vor allem zu Beginn deutlich, denn Tehila Nini Goldstein verfügt nicht nur über eine schillernde Stimme, sie nutzte zudem ein überreiches Vibrato – für die Arie »Liebster Jesu, mein Verlangen« war das nicht nur überdimensioniert, es erweckte gerade vor dem Hintergrund eines geistlichen Werkes einen eher schrillen, unangemessenen Eindruck. Im Vergleich klang Anton Haupt zunächst nüchtern, fast matt. Über die dialogischen Teile, vor allem in den Rezitativen, fanden beide allerdings mehr und mehr zusammen und konnten sich bis zur letzten Kantate steigern bzw. in eine passende Form finden.
Vielleicht lag in der Offenheit des Ensembles eine Ursache für den Mangel an Orientierung, denn obwohl so erfahrene und versierte Solistinnen wie Michaela Hasselt (Orgel) und Xenia Löffler (Oboe) dazugehörten, fehlte eine spürbare Führung. Das betraf nicht nur den Einsatz für die Sänger oder Solisten, sondern auch die Unsicherheit beim Aushalten eines Schlußtons – wie lang ist richtig, angemessen? Hier machte sich eine Unsicherheit bemerkbar, die den Klang bzw. Eindruck bremste.
Dennoch gab es wunderbare Passagen, nicht nur mit der Solo-Oboe, sondern auch mit der Orgel, die Bach in den Vordergrund gerückt hatte. Und – Nadja Zwiener wies glücklicherweise darauf hin – Bach hatte ein Violoncello piccolo eingesetzt (BWV 49), das eine fünfte, höhere Saite hat. Das Duo-Rezitativ und vor allem die Sopran-Arie von »Ich geh und suche mit Verlangen« erfuhr damit eine besondere Färbung!

Eine ganz andere, tiefere und mit Trauer behaftete Färbung gab es in »Selig ist der Mann«, denn BWV 57 ist zwar dem 26. Dezember zugeordnet, erzählt aber nicht die Geschichte des Zweiten Weihnachtstages, sondern des Heiligen Stephanus, eines Märtyrers. Jetzt hatte Tehila Nini Goldstein ihre Seelen-Ruhe und -Stimme gefunden, was ihre Arie (Seele: »Ich ende behende mein irdisches Leben«) mit dem betonten Heilandsbegriff beflügelte.
Die Alte Musik in Leubnitz geht am Wochenende mit »Tra Mantua e Dresda« (Sonntag, 17:00 Uhr, Italienische und deutsche Musik aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges) zu Ende.
12. September 2026, Wolfram Quellmalz