Welterkundung durch Klang

Sonat Vox beim Musikfest Erzgebirge

KlangWelten können vieles sein. Wer nicht weiter achtgibt, klebt das Etikett auf fast jeden beliebigen »Klang«. Aber eine »Welt« ist doch mehr. Das Musikfest Erzgebirge (MFE) hat mit dem Motto konkrete Inhalte verbunden – Herkunft, Aussage, instrumentale oder vokale Klänge. Oft steht der Klang noch in Beziehung zu einem weiteren Aspekt oder im Dienst der Sache – auch Gottesdienste gehören zum MFE.

Seit einigen Jahren gibt es außerdem ein »begehbares Programmheft«, eine Ausstellung, die sich besonders Konzerten, Beteiligten oder Instrumenten des jeweiligen Jahrganges widmet. Am Wochenende war noch einmal Gelegenheit, die von Kurator Bastian Gutke zusammengestellte Schau im Erzgebirgsmuseum »Im Gößner« in Annaberg zu besuchen. Einer Barock-Viola, historischen Naturtrompeten und dem Autograph des Erzgebirgsoratoriums »Wo die Schätze klingen« von Wilfried Krätzschmar (Auftragswerk des MFE) standen und hingen zeitgenössische Kunstwerke gegenüber sowie – ein kleiner Sensationsfund – das Gemälde »Frau Musika« des in Annaberg geborenen Malers Rudolf Köselitz.

Teil des »begehbaren Programmhefts« im »Gößner«: Partitur zum Erzgebirgsoratorium von Wilfried Krätzschmar (links) und Gemälde »Frau Musika« von Rudolf Köselitz, Photos: NMB

Gegenüber in der St. Annenkirche war abends im Meisterkonzert Sonat Vox zu Gast, die bereits bei der Gestaltung der 21 besonderen KlangPunkte vor einer Woche mitgewirkt hatten. Der 2015 mit ehemaligen Mitgliedern des Windsbacher Knabenchors gegründete Chor hat schon zahlreiche Preise und Auszeichnungen errungen. Was sich vielleicht wie eine Fußnote im Programmheft oder eine interessante Information zur Vita des Ensembles liest, ist tatsächlich mit einem überragend geschlossenen Chorklang hinterlegt. Die KlangWelt, die Sonat Vox erobert, freigibt, offenbart, ist schier überwältigend! Mit moderner Chormusik, Romantik, Renaissance und Bezügen zwischen den Epochen sorgten die sechzehn Männer unter der Leitung von Justus Merkel für ein KlangWeltErlebnis, das in seiner Intensität, Geschlossenheit und Konzentration fast mächtig war, auf jeden Fall beanspruchend im positiven Sinne.

Ensemble Sonat  Vox in der Annaberger St. Annenkirche, Photo: MFE, © Mathias Marx

Dabei lotete Sonat Vox ebenso lichte, helle, aufstrebende wie dunkle, tiefe Welten aus. Was mehr in den Bann zog, ließ sich kaum sagen. Frank Tichelis »Earth song« und Damjan Močniks »Acclamation« standen als Gegenwartsmusik einer dunklen und einer hellen Welt einander gegenüber. Während der »Earth song« seinen tiefen Klang räumlich langsam dehnte, aus dieser Dunkelheit zum »Allelulia« strömte, wohnte Damjan Močniks Anrufung Jesus eine deklamatorische Kraft inne, die sich expressiv sogar noch steigern ließ. Auch solche Kraft, nicht gewaltvoll, sondern von innen, geradezu folgerichtig, einem Ziel zustrebend, entfaltete sich immer wieder. Pierre-Arnaud Destremauts »Ave verum« stand mit einem Kontrast vollkommener Geschlossenheit gegenüber.

Ensemble Sonat  Vox in der Annaberger St. Annenkirche, Photo: MFE, © Mathias Marx

Diese Vollkommenheit blieb spürbar. Mit Tomáš Luis de Victoria (»O vos omnes«), Melchior Franck (»Also hat Gott die Welt geliebt«) und Jacobus Gallus (»Ecce quomodo moritur iustus«) öffnete Sonat Vox die Tür in eine polyphon glitzernde Vergangenheit. Gerade de Victoria vielstimmige Schmerzensbeschreibung ging unter die Haut. Nach dem auf tiefe Stimmen aufbauenden Responsorium folgte Francks von den Tenören getragene Anrufung. Jacobus Gallus‘ Motette wiederum sorgte für eine tiefe Ruhe, für inneren Frieden.

Ensemble Sonat  Vox in der Annaberger St. Annenkirche, Photo: MFE, © Mathias Marx

Damit sich niemand von der beeindruckenden Intensität des Gesangs erdrückt fühlte, hatte Sonat Vox Orgelstücke eingeschoben. Friedrich Sacher (Kantor im Kirchspiel Coswig-Weinböhla-Niederau) hatte an Walcker-Orgel der St. Annenkirche zu Beginn in einer Bach-Bearbeitung das gesangliche Ave Maria hervorgehoben, später folgten Passacaglia d-Moll und Ricercar in d / dorisch von Johann Kaspar Kerll, die dunkle und sanfte KlangWelten darstellten (Passacaglia) und mit kleinem tonalen Umfang sowie nicht herausgestellter Virtuosität für einen feinen Schimmer sorgten (Ricercar).

Friedrich Sacher an der Walcker-Orgel, Photo: MFE, © Mathias Marx

Die KlangWelten des Konzerts waren damit keineswegs erschöpft – Sonat Vox fand noch eine Verbindung romantische Kunst- und Volkslieder. Für Friedrich Silchers »Der Lindenbaum« war der Text im Programmheft ausgelassen, wohl weil ihn jeder kennt, doch ebensogut hätte man Franz Schuberts »Die Nacht« oder Wilhelm Nagels »Schöne Nacht« gar nicht zu drucken brauchen, so mustergültig verständlich artikulierte der Chor. Dazu paßte – als die Zeiten überspannender Titel – Anton Günthers »Feieromd«, hier aber als hochdeutsch-romantisches »Feierabend«-Arrangement à la Friedrich Silcher – der Günther freilich um Jahre voraus war.

13. September 2026, Wolfram Quellmalz

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